Die natürliche Familie (2/2) – Turm für unsere Zeit

Peter Bruderer
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Die natür­liche Fam­i­lie ist nicht nur ein Turm der Ver­gan­gen­heit, son­dern auch ein­er für Gegen­wart und Zukun­ft unser­er Gesellschaft. In einem ersten Teil dieser Serie habe ich den his­torischen Wurzeln der Fam­i­lie, ihrem Wesen, ihrer Bedeu­tung, aber auch ihrer Gefährdung nachge­spürt. In diesem Zweit­en Teil möchte ich mich mehr der Gegen­wart wid­men und den Gewinn und den Wert der Fam­i­lie für unsere Zeit ins Zen­trum stellen.

Wir leben heute mit anderen gesellschaftlichen Real­itäten als beispiel­weise vor der sex­uellen oder indus­triellen Rev­o­lu­tion. Es kann nicht darum gehen, das Rad der Zeit zurück­zu­drehen oder die Vorzeit­en zu roman­tisieren. Die gesellschaftlichen Strö­mungen der let­zten Jahrhun­derte sind auch vor dem Hin­ter­grund reeller Missstände ent­standen. Nie­mand von uns möchte auf die pos­i­tiv­en Errun­gen­schaften der Indus­tri­al­isierung verzicht­en. Und auch der Real­ität ein­er viel stärk­er frag­men­tierten Gesellschaft mit gebroch­enen famil­iären Biografien und Sit­u­a­tio­nen müssen wir uns kon­struk­tiv stellen.

Das Bun­de­samt für Sta­tis­tik der Schweiz geht für die kom­menden Jahre von einem über­pro­por­tion­al ansteigen­den Anteil an Ein- und Zweiper­so­n­en­haushal­ten aus.[1] Dies ist ein Hin­weis, das Sin­gles, alle­in­ste­hende Senioren, kinder­lose Paare oder getren­nt lebende Fam­i­lien einen weit­er­hin wach­senden Anteil an unser­er Bevölkerung bilden dürften. Ziem­lich oft sind diese Sit­u­a­tio­nen nicht selb­st­gewählt. Sin­gles hät­ten gerne einen Part­ner gefun­den, Ehep­aare hät­ten gerne Kinder gekriegt. Geschiedene hät­ten sich gewün­scht, dass ihre Beziehung nicht in die Brüche gegan­gen wäre. Es kann hier nicht Gegen­stand sein, all diese speziellen Sit­u­a­tio­nen zu unter­suchen. Es ist auch klar, dass die Welt der natür­lichen Fam­i­lien nicht per­fekt ist. Trotz­dem bin ich überzeugt, das in ihr eine starke und pos­i­tive Kraft für unsere Zeit zu find­en ist. Deshalb kommt hier mein ‚Brain­storm‘ zur Fam­i­lie in unser­er Zeit.

Biologie ist wichtig.

Es ist und bleibt am besten, wie es ‘die Natur ein­gerichtet’ hat. Kün­stliche gesellschaftliche Kon­struk­tio­nen, welche als alter­na­tive Mod­elle zur natür­lichen Fam­i­lie ins Spiel gebracht wer­den, bleiben hin­ter dem Orig­i­nal zurück, der natür­lichen Fam­i­lie beste­hend aus leib­lichen Eltern und deren gemein­samen Kindern. So stellt beispiel­sweise Allan Carl­son bezüglich dem ide­alen Umfeld für das Aufwach­sen von Kindern fest:

«Wis­senschaft, Ehrlich betrieben und ehrlich wiedergegeben, ist der Fre­und der natür­lichen Fam­i­lie. Die Bilanz von Jahrzehn­ten der Forschung in Sozi­olo­gie, Psy­cholo­gie, Anthro­polo­gie, Sozio­bi­olo­gie, Medi­zin und Sozialgeschichte ist ein­deutig: Kinder gedei­hen am besten, wenn sie bei ihren bei­den leib­lichen Eltern geboren wer­den und von ihnen aufge­zo­gen wer­den.»[2]

Biolo­gie lässt sich auch dann nicht umschreiben, wenn wir es mit Geset­zen ver­suchen. Deshalb müsste auch der ver­fas­sungsmäs­sig ver­ankerte Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf «beson­deren Schutz ihrer Unversehrt­heit und auf Förderung ihrer Entwick­lung.»[3] bedeuten, dass der Real­ität Rech­nung getra­gen wird, dass die biol­o­gis­che Fam­i­lie auch im Jahr 2021 noch der best­mögliche Ort zum Aufwach­sen eines Kindes ist. Dies entspricht auch dem ver­fas­sungsmäs­si­gen Prinzip der «Ver­ant­wor­tung gegenüber der Schöp­fung» [4]. Dass Kinder in ihrem ‘schöp­fungs­gemässen’ Umfeld der leib­lichen Eltern die besten Chan­cen haben, muss lei­t­end sein für die Fam­i­lien­poli­tik unser­er Län­der. Es kann nicht sein, dass wir Kindern von vorn­here­in die Möglichkeit ver­wehren, mit biol­o­gis­chem Vater und biol­o­gis­ch­er Mut­ter aufzuwach­sen, wie dies grad mit der aktuellen Vor­lage zur Ehe für alle geschieht[5]. Unsere Gesellschaft erspart sich viele zukün­ftige Prob­leme, wenn sie das natür­liche Prinzip von Vater und Mut­ter achtet.

Zur Biolo­gie gehört aber auch ein Respekt für die deut­lichen Unter­schiede zwis­chen den Geschlechtern. Unsere Zeit hat die Eige­nart, Unter­schiede zwis­chen den Geschlechtern zu niv­el­lieren oder gar negieren zu wollen. Doch die Unter­schiede zwis­chen den Geschlechtern sind nun mal nicht nur soziale Kon­struk­tio­nen, welche beliebig dekon­stru­iert wer­den kön­nten. Da gibt es doch klare biol­o­gis­che, phys­i­ol­o­gis­che und neu­rol­o­gis­che Unter­schiede zwis­chen den Geschlechtern.[6] Anstatt dem Androg­y­nen nachzuren­nen, soll­ten wir auch hier die Vor­gaben unser­er eige­nen Biolo­gie und Natur wieder mehr beherzten. In der Konkre­tion kön­nte das bedeuten, dass wir neu unser ‘Ja‘ find­en zur gegen­seit­i­gen Ergänzung in der Ehe, wie auch immer sich diese dann genau aus­gestal­tet und auch ein ‘Ja’  dazu, unsere Kinder ganz ohne Kitsch und Klis­chees gemäss ihren biol­o­gis­chen Merk­malen in ihrer sex­uellen Iden­tität zu stärken.

Die Freiheit der Familie schützen

Die Fam­i­lie existiert nicht für den Staat, son­dern der Staat für die Frei­heit der Fam­i­lie. Oder wie es unsere Bun­desver­fas­sung beschreibt:

«Der Staat existiert um Fam­i­lien zu schützen und ihr Wach­s­tum und ihre Integrität zu ermuti­gen.»[7]

Die Fam­i­lie ist immer wieder ein Ort, wo viele grosse und kleine Entschei­dun­gen gefällt wer­den. Sie ist der Ort, wo Werte und Ide­ale geprägt wer­den und wo Mei­n­ungs­bil­dung stat­tfind­et. Für alle, die gesellschaftlichen Ein­fluss ausüben wollen, sind deshalb Kinder und Fam­i­lie von beson­derem Inter­esse. Total­itäre Regime, von sozial­is­tis­chen bis nation­al­sozial­is­tis­chen, haben deshalb immer ein ganz beson­deres Augen­merk auf Fam­i­lie und Kinder gehabt. Wer diese prägt, dem gehört die Zukun­ft, der kann seine Macht kon­so­li­dieren. Ger­ade deshalb ist es wichtig, dass uns die Fam­i­lie als freie gesellschaftliche Ein­heit erhal­ten bleibt, denn in ihr liegt die Kraft eines gesun­den Kor­rek­tivs. Die Fam­i­lie als ‘anar­chis­che’ Insti­tu­tion’[8] ist gle­ichzeit­ig diejenige Insti­tu­tion, welche am Ende des Tages Despoten und Tyran­nen die Stirn bieten kann. Deshalb: Fam­i­lien haben ein Recht auf die Achtung ihres Pri­vat- und Fam­i­lien­lebens. Eltern haben das Recht ihre Kinder zu prä­gen. Der geschützte Raum der Fam­i­lie ist zu vertei­di­gen, weil in ihr der Same der Frei­heit wächst.

Kinder sind ein Segen.

Die weltweit­en demografis­chen Prog­nosen sprechen eine klare Sprache. Kinder wer­den in den kom­menden Jahrzehn­ten zur ‘Man­gel­ware’ mit weitre­ichen­den Fol­gen, beispiel­weise für unsere Vor­sorgeein­rich­tun­gen. In Ital­ien, diesem Land der Fam­i­lie und der Geschlechtertürme, geht man bis 2050 von einem Rück­gang der Bevölkerung um rund 6 Mil­lio­nen aus, bei gle­ichzeit­iger Erhöhung des Durch­schnit­tal­ters um 6 Jahre. [9] Die Frucht­barkeit­srate liegt mit 1,33 weit unter der zum Bevölkerungser­halt wün­schenswerten Repro­duk­tion­srate. Die Schweiz ist da noch etwas bess­er unter­wegs, aber auch bei uns wird ein Anstieg des Durch­schnit­tal­ters um rund 4 Jahre erwartet.[10] Die weltweite Frucht­barkeit hat sich in den ver­gan­genen 60 Jahren hal­biert und liegt noch bei 2,5.[11]

Angesichts dieser Fak­ten ist es völ­lig unver­ständlich, wenn man von aktuellen Forderun­gen hört, aus Grün­den des Kli­maschutzes auf Kinder zu verzicht­en.[12] Kinder sind auch im Jahre 2021 die beste Investi­tion, welche unsere Gesellschaft in ihre Zukun­ft täti­gen kann. Die besten Chan­cen zu gedei­hen haben Kinder, wenn sie bei ihren leib­lichen Eltern aufwach­sen. Deshalb ist diese Fam­i­lie ein entschei­den­der Schlüs­sel. Hier muss der Staat investieren.

Hier gilt es aber meines Eracht­ens immer wieder gut abzuwä­gen, was für For­men eine solche Fam­i­lien-Unter­stützung annimmt. So ver­weist Allan Carl­son auf eine inter­es­sante US-Studie, wonach Steuersenkun­gen für Fam­i­lien mit Kindern im Hin­blick auf die Geburten­rate wirkungsvoller sind als Kinderzu­la­gen[13]. Auf Gut-Deutsch: Steuer­abzüge ermuti­gen Paare stärk­er dazu, grössere Fam­i­lien anzus­treben. Der Grund ist möglicher­weise psy­chol­o­gis­ch­er Natur: Kinderzu­la­gen haben den Beigeschmack ein­er Abhängigkeit vom Staat, während Steuer­abzüge ten­den­ziell das Gefühl der Unab­hängigkeit und Eigen­ständigkeit stärken. In der Schweiz haben wir bei­des, Steuer­abzüge und Kinderzu­la­gen. Wichtig scheint mir: der Staat sollte bewusst und aktiv in Fam­i­lien investieren, aber möglichst auf eine Weise, welche die Eigen­ständigkeit der Fam­i­lien erhält und auch Geburten fördert. Kinderkrip­pen und Tagess­chulen helfen beispiel­sweise, die Lebenssi­t­u­a­tio­nen von Fam­i­lien zu erle­ichtern. Sie entziehen das Kind aber auch den Eltern und greifen damit ins famil­iäre Gefüge ein. Die Moti­va­tio­nen für Krip­pen liegt möglicher­weise min­destens so stark in der Förderung der weib­lichen Autonomie als in der Schaf­fung von Ent­las­tung für Familien.

Der His­torik­er und Fam­i­lien­forsch­er Allan Carl­son war unter anderem für Ronald Rea­gan tätig.

Ger­ade wenn wir unser Leben aus ein­er christlichen Moti­va­tion her­aus leben, soll­ten wir Kinder in unser­er Mitte – also auch in unseren Ehe­beziehun­gen – her­zlich willkom­men heis­sen. «Kinder sind ein Segen», heisst es doch in der Bibel, sie sind wie ein «Köch­er voller wertvoller Pfeile»[14]. Und: «Seid frucht­bar und mehret euch!»[15]. Kinder her­zlich willkom­men zu heis­sen kön­nte bedeuten, dass wir neu über das stetig ansteigende Heirat­salter nach­denken. Nur schon über das ver­gan­gene Jahrzehnt ist in der Schweiz das durch­schnit­tliche Heirat­salter um ein weit­eres Jahr angestiegen und liegt mit­tler­weile bei über 32 (Män­ner) respek­tive über 30 (Frauen)[16]. Der nach der Heirat verbleibende Zeitraum der weib­lichen Frucht­barkeit verklein­ert sich immer mehr und definiert Grenzen.

Kinder her­zlich willkom­men zu heis­sen kann auch bedeuten, dass wir neu über Ver­hü­tung und Fam­i­lien­pla­nung nach­denken. Die evan­ge­likale Gemein­schaft hat sich, anders als die Katholis­che Kirche, in den 60er Jahren des ver­gan­genen Jahrhun­derts zu ein­er pos­i­tiv­en Hal­tung in der Frage der kün­stlichen Geburten­regelung durchgerun­gen. Die neue Devise lautete: «Seid frucht­bar und mehret euch — solange es in die Leben­s­pla­nung passt.» So hat meine Gen­er­a­tion das auch in etwa gelebt. Doch etwas in mir sagt: Da kön­nte schon auch ein neues Nach­denken ein­set­zen. Wir kri­tisieren beispiel­sweise gerne und ich finde zurecht gle­ichgeschlechtliche Paare, die sich ein Kind ‘bestellen’ wollen. Doch sind wir dabei nicht ein Stück­weit von der gle­ichen Men­tal­ität bes­timmt, wenn wir unsere Kinder ‘pla­nen’? Wie ‘offen’ sind wir wirk­lich für Kinder? Glauben wir wirk­lich, dass sie ein Segen sind? Möcht­en wir diesem Segen Gren­zen set­zen? Für meine Gen­er­a­tion ist in Fra­gen der Repro­duk­tion ‘der Zug abge­fahren’, aber wir kön­nen mit­prä­gen, wie freudig die näch­ste Gen­er­a­tion Kinder willkom­men heisst.

Ich hoffe auch inständig, dass es in der Frage der Abtrei­bung zu ein­er Zeit­en­wende kommt. Die doku­men­tierte Zahl von Schwanger­schaftsab­brüchen in der Schweiz lag 2020 bei 11’000 Babys. Das ist die Ein­wohn­erzahl ein­er Kle­in­stadt wie Wein­felden. In Deutsch­land liegt diese Zahl bei 100’000 – das ist deut­lich mehr als die Ein­wohn­erzahl von Kon­stanz. Was gibt denn eine Gesellschaft für Sig­nale, wenn sie das Töten unge­bore­nen Lebens als Selb­stver­ständlichkeit hin­nimmt, zum Men­schen­recht erk­lärt[17], Men­schen die sich für das unge­borene Leben ein­set­zen mit Spot bedi­ent, ihnen gar unrecht­mäs­sige Hür­den in den Weg legt?[18] Eine solche Gesellschaft soll bitte nicht jam­mern, wenn ihre ganze Demogra­phie aus den Fugen gerät. Liebes Bun­de­samt für Gesund­heit, warum nicht mal anstatt Kam­pag­nen für Mas­tur­ba­tion[19] und Präser­v­a­tive[20] eine Kam­pagne FÜR das Leben und FÜR die Fam­i­lie finanzieren? Ihr hät­tet dabei in der Per­son von Hor­a­tio Robin­son Stor­er (1830–1922), dem Grün­der der ersten weltweit ersten gynäkol­o­gis­chen Fachge­sellschaft ein grossar­tiges Vor­bild. Stor­er, der unter anderem die weltweit erste Kaiser­schnitt-Oper­a­tion durch­führte, argu­men­tierte schlüs­sig: Abtrei­bung ist nicht nur ein Ver­brechen gegen das Leben des unge­bore­nen Kindes, son­dern auch gegen das Leben der schwan­geren Mut­ter, gegen das famil­iäre Umfeld und gegen das öffentliche Inter­esse.[21] Kinder als Segen zu sehen muss heis­sen, das wir uns ganz neu lei­den­schaftlich für den Schutz des Lebens einsetzen.

Hor­a­tio Robin­son Storer’s Schrift “Why Not! A Book for Every Woman.” 1865

Mehr Hochzeiten, weniger Scheidungen

Die Schei­dungs- und Heirats-Sta­tis­tik der Schweiz macht klar, dass Geburten in der Schweiz prak­tisch auss­chliesslich im Rah­men ein­er Ehe stat­tfind­en. Unver­heiratete wollen keine Kinder. Geschiedene auch nicht[22]. Schei­dun­gen schaf­fen zudem jährlich 12’000 unmündi­ge Kinder mit geschiede­nen Eltern – schon wieder eine Schweiz­er Kle­in­stadt wie Wein­felden. Es ist auch kein Geheim­nis, dass Kinder geschieden­er Eltern selb­st wieder ein­er grösseren Schei­dungswahrschein­lichkeit aus­ge­set­zt sind.[23] Unsere Gesellschaft hätte also allen Grund, Heirat­en zu begrüssen und Schei­dun­gen zu ver­mei­den. Ich plädiere dafür, dass der Staat uns Bürg­ern die Schei­dung nicht zu ein­fach machen sollte, dafür dur­chaus noch mehr Anreize zur Heirat geben könnte.

Zum einen gibt es reelle finanzielle Aspek­te. In der Schweiz ist das The­ma ‘Heiratsstrafe’ beispiel­sweise immer noch aktuell, und für geschiedene oder ver­witwete Per­so­n­en bedeutet eine Heirat unter Umstän­den eine mas­sive Ver­schlechterung der finanziellen Sit­u­a­tion (weg­fal­l­ende Unter­halt­szahlun­gen oder Renten). Wenn unsere Gesellschaft für Heirat und Ehe ist, kön­nte sie nach Wegen suchen, solche finanziellen Aspek­te Ehe-fre­undlich­er zu regeln?

Im Bere­ich des Schei­dungsrecht­es scheinen die ver­gan­gen Jahrzehnte nur Erle­ichterun­gen gebracht zu haben. Es bedarf kein­er Angabe von Grün­den mehr, um eine Schei­dung zu erwirken[24]. Das wirkt auf mich schon ziem­lich nach ‘Laiss­er-faire’. Wäre es nicht im Inter­esse unser­er Gesellschaft, da höhere Hür­den zu schaf­fen und aktive Wege zu suchen, wie Ehen vielle­icht doch gerettet wer­den kön­nten? Ger­ade in mein­er Teilzeit­tätigkeit in der Immo­bilien­branche begeg­ne ich immer wieder Per­so­n­en in akuten Tren­nungssi­t­u­a­tio­nen. Das sind diejeni­gen Miet­inter­essen­ten, die ganz schnell eine möglichst gün­stige Woh­nung suchen. Die finanziellen Belas­tun­gen, welche Schei­dun­gen mit sich brin­gen, sind enorm und treiben so Manchen in die Verzweiflung.

Die Fach­welt, welche in den 70ern noch die neg­a­tiv­en Auswirkun­gen von Schei­dung auf Kinder verneinte (Buch: the Courage to Divorce, 1974), musste nach Langzeit­stu­di­en ihre Mei­n­ung rev­i­dieren (Buch: The unex­pect­ed Lega­cy of Divorce, 2000)

Ein Blick in meinen eige­nen erweit­erten Fre­un­deskreis macht klar: in den meis­ten Fällen sind Affären der Grund für Schei­dun­gen. Der Mann, der seine Hände nicht von attrak­tiv­en Frauen lassen kann und sich trotz geringer Sta­mi­na immer wieder in bren­zlige Sit­u­a­tio­nen beg­ibt, in denen er nicht beste­hen wird. Die Frau, die neue Roman­tik bei einem hüb­scheren, gebilde­teren, aben­teuer­licheren oder reicheren Mann sucht, der möglicher­weise nur ein kör­per­lich­es Inter­esse an ihr hat. Die ver­heerende Wirkung gebroch­en­er Beziehun­gen sehe ich rund um mich herum. Ich erschrecke über die Anzahl Ehen, welche auch in meinem christlich geprägten Fre­un­deskreis in die Brüche gehen. Mit ‘den Bach runter’ gehen oft langjährige Fre­und­schaften. Wir leben unsere Frei­heit auf Kosten der kom­menden Gen­er­a­tion aus.

Es geht mir keines­falls darum, mit dem Mah­n­fin­ger auf Men­schen zu zeigen. Wir sind alle Gefährdete. Ich frage mich aber, wie wir einan­der noch mehr unter­stützen kön­nten. Dür­fen wir einan­der, zum Beispiel als Män­ner, noch mehr gegen­seit­ig in die Pflicht nehmen, auf unsere Ver­sprechen hin­weisen, vor bren­zli­gen Sit­u­a­tio­nen war­nen? Würde uns im Kampf, zum Beispiel gegen die zer­störerische Pornogra­phie, ein biss­chen mehr per­sön­lich­er und gesellschaftlich­er ‘Com­stock­ism[25] gut­tun? Vielle­icht kann uns auch Pitir­im Sorokin mit seinem Konzept der ‘Totale-Liebe’ anstelle der reinen ‘Sex-Liebe’ weit­er­helfen? Jeden­falls wün­sche ich uns allen Gnade Gottes und auch mal die nötige Kon­se­quenz, um in unseren anspruchsvollen und kom­plex­en Leben­sre­al­itäten einan­der treu zu bleiben. Es ist auf jeden Fall der bessere Weg.

Antho­ny Com­stock prägte in den USA im Über­gang vom 19. zum 20. Jahrhun­dert das Ver­bot, pornografis­ches Mate­r­i­al über die Post zu versenden.

Ein ganzheitliches Ökosystem.

Wir leben oft eine reduzierte Sicht von Fam­i­lie. Unser All­t­ag ist seg­men­tiert: Hier die Arbeit, da die Fam­i­lie. Hier die Schule, da die Freizeit. Hier der Ver­di­enst, dort die Aus­gaben. Hier die Kirche, da der All­t­ag. Hier die Grossel­tern, da die Grosskinder.  Es gäbe viel zu gewin­nen, wenn wir über Fam­i­lie als ganzheitlich­es Ökosys­tem nach­denken wür­den. Die pos­i­tiv­en Wirkun­gen der Fam­i­lie in viele Bere­iche des Lebens hinein sind ein­deutig. Gemäss den Forschun­gen von Allan Carl­son bewirken natür­liche Fam­i­lien unter anderem bessere Gesund­heit, stärkere Wis­sensver­mehrung, bessere Kar­ri­erechan­cen für die Kinder, län­geres Leben, grösseren Wohl­stand, erhöhte men­tale Gesund­heit und erhöhte Sicher­heit.[26] Die natür­liche Fam­i­lie hat auch einen Beitrag in der religiösen Befriedung von mul­ti­kul­turellen Gesellschaften.[27] Wie die Unter­suchun­gen von Pio­nieren wie Fréder­ic Le Play oder Pitir­im Sorokin aufzeigen, haben Fam­i­lien ihre grösste Wirkkraft, wenn sie sich als gen­er­a­tio­nenüber­greifend­es, inte­gri­ertes, lokales Ökosys­tem aus­bilden können.

Warum also kön­nte der Arbeit­splatz nicht auch bei der Fam­i­lie sein (z.B. Home Office), oder zumin­d­est ganz in der Nähe? Das ist ökol­o­gis­ch­er, kann die pro­duk­tive Zeit oder auch die famil­iäre Freizeit erhöhen und gibt den Kids mehr Ein­blicke ins Berufsleben.

Warum nicht über Freizeit mit Bil­dungscharak­ter nach­denken (ich meine damit nicht ein­fach Galileo)? Wir haben beispiel­sweise als Fam­i­lie ange­fan­gen, ein­mal im Jahr eine europäis­che Stadt zu besuchen. In Lon­don haben wir über die Queen was gel­ernt, in Berlin über den Mauer­bau, in Paris über die Franzö­sis­che Revolution…

Warum nicht Ver­mö­gen und Ver­di­enst zusam­men­le­gen und ein Fam­i­lienun­ternehmen grün­den? Fam­i­lienge­führte Fir­men schaf­fen es oft, Tra­di­tion und Inno­va­tion auf gute Weise zu verbinden. Sie sind in aller Regel gegenüber ihren Mitar­beit­ern sozialer eingestellt, sie sind weniger auf schnellen Gewinn aus­gerichtet son­dern denken und investieren langfristig. Sie sind mehr als andere daran inter­essiert, dass nach­fol­gende Gen­er­a­tio­nen gefördert und aus­ge­bildet wer­den und vieles mehr.[28]

Warum nicht mit drei Gen­er­a­tio­nen unter dem gle­ichen Dach leben, oder zumin­d­est in unmit­tel­bar­er Nähe zueinan­der? Für alle drei Gen­er­a­tio­nen kann dies von grossem Gewinn sein. Grossel­tern kön­nen wertvolle Lebenser­fahrung ihren Grosskindern ver­mit­teln und Eltern ent­las­ten, was dur­chaus für sie selb­st sinns­tif­tend ist. Kinder erhal­ten einen Bezug zur älteren Gen­er­a­tion und ler­nen beispiel­sweise Rück­sicht zu nehmen. Eltern kön­nen ihren Eltern unkom­plizierte Unter­stützung im Alter geben. Anders gesagt: der Wis­senstrans­fer gelingt, Geld wird ges­part, Sinn wird gespendet, Charak­ter wird gebildet.

Als Per­son, welche sowohl Jugend­camps mit 600 Teil­nehmern[29] als auch gen­er­a­tio­nenüber­greifende Ferien mit 1800 Teil­nehmern[30] ver­ant­wortet hat, kann ich die Vorzüge gen­er­a­tio­nenüber­greifend­en Arbeit­ens nur bestäti­gen. Gen­er­a­tio­nenüber­greifende Set­tings helfen, eine befriedete und famil­iäre Atmo­sphäre mit gelebter Rück­sicht­nahme zu schaf­fen und ermöglichen organ­is­chere Führung­sprozesse. Auch im kirch­lichen Bere­ich ist man sich zunehmend bewusst, dass das Glaubensleben nicht ein­fach Sache der Kirche sein darf, son­dern die Fam­i­lie aktiv in der Ver­mit­tlung von Glaubensin­hal­ten einge­bun­den wer­den muss. [31]

Lokale famil­iäre Ökosys­teme schaf­fen auch eher Raum für Men­schen in Not. Sie kön­nen auch für Alle­in­ste­hende oder kinder­lose Ehep­aare eine sinns­tif­tende und inte­gri­erende Wirkung haben. Sie kön­nen den Raum auf­s­pan­nen für gelin­gende Adop­tio­nen oder Pflegesituationen.

Fazit

Das gen­er­a­tio­nenüber­greifende famil­iäre Ökosys­tem schafft genau das, was unsere Bun­desver­fas­sung sich fürs Schweiz­er Volk wün­scht, näm­lich ein «Bewusst­sein der gemein­samen Errun­gen­schaften» und die  «Ver­ant­wor­tungsüber­nahme gegen­über den kün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen»[32]

«Die Stärke des Vol­kes misst sich am Wohl der Schwachen»[33], heisst es auch. Vielle­icht sollte dieses berechtigte Anliegen uns motivieren, zukün­ftig noch mehr unser Augen­merk auf die natür­liche Fam­i­lie zu richt­en. Denn wie es Allan Carl­son sagen würde: Die natür­liche Fam­i­lie ist ein Schlüs­sel zur Fülle des Lebens. Sie bewirkt, was kein anderes Organ­i­sa­tion­sprinzip bewirken kann: sie macht alles um sie herum bess­er. [34]

Es ist klar, dass jede Fam­i­lie Gren­zen hat und dass die Idee eines famil­iären Ökosys­tems gemäss organ­is­chen Vor­gaben organ­isatorisch ver­schieden gestal­tet wer­den muss. Trotz­dem sehe ich in ihr ein gross­es Poten­tial für eine sozialere, ökol­o­gis­chere und nach­haltigere Gesellschaft, welche nicht ein­fach am Tropf der grossen ‘Mul­tis’ hängt.

Es ist auch klar, dass Fam­i­lie nicht nur Son­nen­schein bedeutet, son­dern Ver­let­zun­gen und ‘Auszuhal­tendes’ mit sich bringt. Vielle­icht ist aber genau das Ja-Sagen zum Unper­fek­ten eine der besten Lek­tio­nen, welche wir der Fam­i­lie ler­nen kön­nen. Als ich diese Woche meinen Sohn gefragt habe, was ihm an der Fam­i­lie wertvoll ist, meinte er: «Dass wir zusammenhalten.»

Ich bin mir bewusst, dass ich in diesem Artikel die einzel­nen The­men nur ‘andisku­tieren’ kon­nte; dass es noch weit­ere wichtige Fragestel­lun­gen gibt und dass mir auch fach­lich Gren­zen geset­zt sind.  Ich habe mir trotz­dem erlaubt, freimütig zu schreiben in der Hoff­nung, dadurch Anstösse zu Gesprächen und zum Wei­t­er­denken zu geben. Dazu kann unser span­nen­des Inter­view mit Dr. Allan Carl­son nüt­zlich sein:

 

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Zum ersten Teil der Serie:
Die natür­liche Fam­i­lie (1/2) – Turm alter Zeit

Bilder:
Titel­bild: iStock
Weit­ere Bilder: Peter Bruderer

Fuss­noten:
[1] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/zukuenftige-entwicklung/haushaltsszenarien.html
[2] Allan C. Carl­son, Paul T. Mero, The nat­ur­al Fam­i­ly [a man­i­festo], 2007, S 22
[3] «Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf beson­deren Schutz ihrer Unversehrt­heit und auf Förderung ihrer Entwicklung.»
[4] https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de
[5] https://danieloption.ch/featured/kinder-fuer-alle/
[6] Vgl. z.B. Steven E. Rhoads, Tak­ing Sex Dif­fer­ences seri­ous­ly, 2005
[7] https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de
[8] G.K. Chester­ton, What’s wrong With the World, 1910, S50
[9] https://www.worldometers.info/world-population/italy-population/
[10] https://www.worldometers.info/world-population/switzerland-population/
[11] https://en.wikipedia.org/wiki/Total_fertility_rate
[12] Die aktuelle Geburtsstreik-Bewe­gung begrün­det den Verzicht auf Kinder mit dem Umwelt- und Kli­maschutz. Vgl. zum Beispiel: https://www.nzz.ch/wochenende/das-klima-zu-schuetzen-heisst-fuer-sie-keine-kinder-zu-haben-ld.1487205?reduced=true
[13] https://read.dukeupress.edu/demography/article/29/2/215/171160/Taxes-and-the-Family-The-impact-of-the-tax
[14] Ps 127:3–5
[15] 1Mo 1 :22, 1Mo 1 :28, 1Mo 9:1, 1Mo 9:7
[16] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/594410/umfrage/heiratsalter-von-maennern-und-frauen-in-der-schweiz/
[17] https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/matic-bericht-ein-angriff-auf-die-menschenrechte;art315,219253
[18] https://www.tagesanzeiger.ch/streit-geht-weiter-marsch-fuers-laebe-wieder-erlaubt-340687572979
[19] https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20204651
[20] https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/kampagnen/lovelife.html
[21] Hor­a­tio Robin­son Stor­er, “Why Not! A Book for Every Woman.”, 1865, S79
[22] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/heiraten-eingetragene-partnerschaften-scheidungen/scheidungshaeufigkeit.html
.[23] https://www.tagesspiegel.de/themen/gesundheit/kinder-geschiedener-eltern-trennen-sich-auch-selbst-haeufiger/88490.html
[24] https://www.beobachter.ch/familie/trennung-scheidung/scheidung-wie-gehts-am-schnellsten
[25] Der Begriff hat seinen Ursprung in der Per­son von Antho­ny Com­stock. Dieser prägte in den USA im Über­gang vom 19. zum 20. Jahrhun­dert das Ver­bot, pornografis­ches Mate­r­i­al über die Post zu versenden. Das ver­gle­ich­bare Prob­lem heute heisst Inter­net­pornografie. Mehr Infor­ma­tio­nen über Com­stock: https://en.wikipedia.org/wiki/Anthony_Comstock
[26] Allen Bericht­en von famil­iär­er Gewalt und Miss­brauch zum Trotz ist die natür­liche Fam­i­lie sta­tis­tisch gese­hen der sich­er­ste Ort, sowohl für Frauen, als auch für Kinder. Vgl. Carl­son, Mero, The nat­ur­al Fam­i­ly, 2007, S157-169
[27] So gibt es beispiel­sweise einen bre­it­en Kon­sens in den monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen (Islam, Juden­tum, Chris­ten­tum) über den Wert der natür­lichen Familie.
[28] https://www.familienunternehmen.de/nutzen-von-familienunternehmen
[29] https://www.festivalticker.de/news/springtime_festival/6354/el-campo_2010/
[30] https://chrischona.ch/termine/ferien/
[31] https://orangeleben.ch/index.php/was-bedeutet-orange-leben
[32] https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de
[33] https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de
[34] Allan C. Carl­son, Paul T. Mero, The nat­ur­al Fam­i­ly [a man­i­festo], 2007, S 98

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