Die dreifache Wahrheit des Evangeliums (2/3)

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Das Evan­geli­um ist his­torische Wahrheit, sie ist the­ol­o­gis­che Wahrheit und sie ist schrift­gemässe Wahrheit. Ob wir im Herzen ein «Ja» zu diesen drei grundle­gen­den Wahrheits-Aspek­ten des Evan­geli­ums find­en, macht den Unter­schied aus zwis­chen einem tragfähi­gen und einem umson­st gelebten Glauben. 

Im ersten Teil unser­er Serie haben wir uns mit dem Bibel­text von 1.Kor 15:1–5 beschäftigt. Ich habe erörtert, dass wir im Text einen bedeut­samen frühchristlichen Beken­nt­nis­text vorfind­en und erk­lärt, wie entschei­dend der his­torische Wahrheit­saspekt des Evan­geli­ums ist. Um der Nachvol­lziehbarkeit willen gebe ich unseren Bibel­text hier nochmals wieder:

Ich erin­nere euch aber, Brüder und Schwest­ern, an das Evan­geli­um, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenom­men habt, in dem ihr auch fest ste­ht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so fes­thal­tet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr’s umson­st geglaubt hät­tet. Denn als Erstes habe ich euch weit­ergegeben, was ich auch emp­fan­gen habe: Dass Chris­tus gestor­ben ist für unsre Sün­den nach der Schrift; und dass er begraben wor­den ist; und dass er aufer­weckt wor­den ist am drit­ten Tage nach der Schrift; und dass er gese­hen wor­den ist von Kephas, danach von den Zwölfen. (1.Kor 15:1–5)

In diesem Beitrag geht es nun um den zweit­en Wahrheit­saspekt, um die the­ol­o­gis­che Wahrheit des Evan­geli­ums. Wir erin­nern uns, dass ich meine Argu­men­ta­tion für die dreifache Wahrheit des Evan­geli­ums anhand der fol­gen­den ein­fachen For­mulierung mache:

«Dass Chris­tus gestor­ben ist für unsre Sün­den nach der Schrift».


Eine geistliche Wahrheit

Zum Evan­geli­um gehört nicht nur die his­torische Wahrheit­skom­po­nente, son­dern auch eine klare geistliche Bedeu­tung. Wir kön­nen das fol­gen­der­massen darstellen:

Chris­tus ist gestor­ben:
das ist his­torische Wahrheit
das ist Geschichte

Chris­tus ist gestor­ben für unsre Sün­den:
das ist geistliche Wahrheit
das ist Dogma

Das his­torische Ereig­nis des Todes Jesu ist untrennbar mit ein­er the­ol­o­gis­chen, geistlichen Bedeu­tung verknüpft. Der Kreuzestod von Jesus ist nicht nur eine his­torische Tat­sache. In diesem Tod liegt auch der Schlüs­sel zu unser­er Erlö­sung und Ret­tung: Hier wurde der ‚Preis‘ bezahlt für unsere Sünden.

Über die Deutung von historischen Ereignissen 

Es ist ein natür­lich­er Prozess, dass wir bei ein­schnei­den­den Ereignis­sen sofort nach deren Bedeu­tung fra­gen. Wie geban­nt star­rte ich vor Jahren in einen der vie­len Fernse­her eines Elek­tro-Fachgeschäftes. Die Bilder, die ich sah, haben sich zutief­st in mein per­sön­lich­es Bewusst­sein einge­bran­nt: das World Trade Cen­ter in New York stand in Flam­men: 9/11. Mir war augen­blick­lich klar, dass die Welt von dem Tag an eine andere sein würde.

Ter­ro­ran­schläge in New York vom 11. Sep­tem­ber 2001 (Bild: Pub­lic Domain)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell die Medi­en bei ein­schnei­den­den Nachricht­en­mel­dun­gen die ‘Experten’ zur Hand haben, welche uns ganz genau sagen kön­nen, was die tief­ere Bedeu­tung eines Ereigniss­es ist.

Die Frage nach der Deu­tung hat sich auch beim Kreuzes­geschehen gestellt. In unserem Text gibt Paulus dabei nicht ein­fach seine eigene sub­jek­tive Sicht auf das Kreuzes­geschehen wieder, son­dern die Per­spek­tive der Zeu­gen der drama­tis­chen Ereignisse des Oster­woch­enen­des (V3). Für die ersten Nach­fol­ger Jesu war klar: Im Ereig­nis vom Kreuz ist die Grund­lage für unsere Verge­bung und Erlö­sung zu find­en. Dass «Chris­tus gestor­ben ist für unsre Sün­den» — das ist die mündliche Über­liefer­ung der Augen­zeu­gen, die damals dabei waren. Kephas (das ist Petrus) und die weit­eren Apos­tel waren mit­ten im Geschehen (V5).

Paulus ist in der Frage der Deu­tung also nicht am Spekulieren, son­dern am Rez­i­tieren. Er gibt wieder, was er wohl schon hun­derte Male auf seinen Reisen qua­si ‘aufge­sagt’ hat. Für ihn ist glasklar: Die dop­pelte Wahrheit des his­torischen Ereigniss­es des Kreuzes und dessen geistliche Bedeu­tung ist von fun­da­men­taler Wichtigkeit. Bei­de zusam­men sind gewis­ser­massen ‘tra­gende Klänge’ ein­er göt­tlichen Melodie, welche auf keinen Fall falsch oder verz­er­rt wiedergegeben wer­den dürfen.

In den Versen 1–2 unseres Textes betont Paulus mit Nach­druck: Es gilt, die Botschaft unverän­dert festzuhal­ten und weit­erzugeben. Ja, daran hängt gar die Sich­er­stel­lung unseres Heils. An dieser Botschaft darf unter keinen Umstän­den ‘herumgeschraubt’ wer­den. Sie ist das Evan­geli­um, «durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so fes­thal­tet, wie ich es euch verkündigt habe» (V2)

Von der Überlieferung historischer Ereignisse.

Wer sich erin­nert an das ‘Tele­fon­spiel’ in der Kind­heit, der weiss, dass sich in ein­er Men­schen­kette weit­ergegebene Inhalte dur­chaus verän­dern kön­nen. Wir soll­ten uns aber bewusst sein, dass wir es hier nicht mit einem fehler­an­fäl­li­gen Tele­fon­spiel zu tun haben. Es ist sehr wohl möglich, mündliche Inhalte ohne Abstriche genau zu erhal­ten. Zum Beispiel ist mir der Zauber­lehrling von Goethe, den ich vor 37 Jahren in der ersten Ober­stufe ler­nen musste, heute noch so präsent, dass ich auswendig daraus auf­sagen kann. Dass mich mein Gedächt­nis über eine so lange Zeit nicht im Stich gelassen hat, liegt an zwei ein­fachen Grün­den. Zum einen lassen sich Gedichte viel ein­fach­er merken als nor­male Sätze, weil sie mit Reim und Rhyth­mus aus­ges­tat­tet sind. Zum anderen gab es das, was es in der Schule so gibt: eine Prüfung!

Bei der frühchristlichen guten Nachricht von Jesus war es wohl ver­gle­ich­bar. Sie hat sehr bald schon eine Form ähn­lich wie bei einem Gedicht gefun­den, welch­es sich ein­fach merken liess. Aber auch das andere trifft zu – das mit der Prü­fung. Die grundle­gen­den Wahrheit­en des christlichen Glaubens wur­den in die Taufgelübde für neue Chris­ten aufgenom­men. So ist beispiel­sweise der möglicher­weise älteste schriftliche Kom­men­tar zum Apos­tolis­chen Glaubens­beken­nt­nis, der uns aus der nordi­tal­ienis­chen Stadt Aquileia erhal­ten geblieben ist, nichts anderes als das Schu­lungs­ma­te­r­i­al zum Tau­fun­ter­richt.

Zur Taufe gehörte in frühchristlich­er Zeit das Able­gen eines Glaubens­beken­nt­niss­es. Damit war sichergestellt, dass der neue Gläu­bige sich im Klaren war, wozu er sich denn nun bekehrt hat. Zugle­ich war damit aber auch sichergestellt, dass die Kern­botschaft des Evan­geli­ums unverän­dert erhal­ten blieb.

Zeitliche Relationen.

Es ist hil­fre­ich, einen Blick auf die zeitlichen Rela­tio­nen zu wer­fen. Ich habe vorhin bere­its erwäh­nt, dass ich dank Reim und Prü­fung nach 37 Jahren den Zauber­lehrling von Goethe immer noch her­sagen kann. Dies, obwohl mir das Gedicht nichts weit­er bedeutet und obwohl mein Leben in einem Zeital­ter der medi­alen Dauerbeschal­lung abläuft.

Die Abfas­sung des ersten Briefes an die Korinther wird unge­fähr auf das Jahr 55 n. Chris­tus datiert, also rund 22 Jahre nach dem Tod von Jesus und zu einem Zeit­punkt wo viele Zeitzeu­gen noch gelebt haben. Diese hät­ten jed­erzeit kor­rigierend ein­greifen können.

22 Jahre – das ist unge­fähr der gle­iche zeitliche Abstand, den wir heute zu den drama­tis­chen Ereignis­sen von 2001 in New York haben. Ein sub­stanzieller Teil der Bevölkerung wird sich noch sehr gut erin­nern. Ich selb­st bin nur wenige Wochen nach den Anschlä­gen von der Schweiz herk­om­mend im trau­ma­tisierten New York gelandet. Die Türme waren waren in Schutt und Asche, dafür war der Flughafen voller Sol­dat­en in Kamp­fanzü­gen und mit Maschi­nen­pis­tolen in Anschlag. Noch heute hin­ter­legen die Leute ihre Rosen da, wo sie ihre Ange­höri­gen damals ver­loren haben. Es würde nie­man­dem in den Sinn kom­men, zu sagen, die Ereignisse in New York seien ein­fach eine nette Geschichte, ein Mythos. Schon gar nicht denen, die dort ihre Fre­unde und Ange­höri­gen ver­loren haben. Genau­so real­is­tisch, detail­liert und bre­it abgestützt kön­nen wir uns die Erin­nerun­gen ans Kreuzes­geschehen zur Zeit der Abfas­sung des 1. Korinther­briefes vorstellen.

Vorausdeutung als wesentlicher Unterschied.

Es gibt im Zusam­men­hang mit der Deu­tung des Kreuzes­geschehens jedoch einen ganz entschei­den­den Unter­schied zu son­sti­gen Deu­tungsver­suchen his­torisch­er Ereignisse. Wir müssen ver­ste­hen, dass im Fall der guten Nachricht von Jesus Chris­tus die Deu­tung des Ereigniss­es nicht im Nach­hinein kam, wie es so üblich ist, son­dern im Voraus.

Dafür möchte ich zurück­ge­hen zum Marku­se­van­geli­um und der bere­its im ersten Artikel erwäh­n­ten Ankündi­gung von Jesus Chris­tus über seine eigene, schwere ‘Kreuzes­taufe’:

Denn auch der Men­schen­sohn ist nicht gekom­men, dass er sich dienen lasse, son­dern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10:45)

Wir stellen fest: Die geistliche Bedeu­tung des his­torischen Ereigniss­es haben nicht die Jünger im Nach­hinein sich aus­gedacht, son­dern Jesus Chris­tus hat sie im Voraus gegeben:

dass er sein Leben gebe:
das ist Vorankündi­gung von Geschichte

dass er sein Leben gebe als Lösegeld für viele:
das ist Voraus­deu­tung von Geschichte

So ist das Evan­geli­um, die gute Nachricht, also nicht ein­fach die Nachricht von Paulus an seine Leser. Es ist auch nicht ein­fach die Erken­nt­nis und Deu­tung der Zeu­gen des Kreuzes­geschehens. Vielmehr ist das Evan­geli­um zutief­st und ganz real die gute Nachricht von Jesus Chris­tus selb­st an seine Jünger und an uns.

Kreuzestod und Schuldüber­nahme gehören untrennbar zusam­men. Bei­de Wahrheit­en sind real. Bei­de sind untrennbar im Kern des Evan­geli­ums ange­siedelt, wie es uns Jesus selb­st offen­bart hat.

Sündhaftigkeit des Menschen oder Ur-Güte des Menschen?

Jesus bringt uns die Deu­tung des Kreuzes also selb­st nahe und möchte, dass wir diese ver­ste­hen und annehmen: Er ist für unsere Sünde gestor­ben. An dieser Wahrheit gilt es in aller Schlichtheit festzuhal­ten, ohne Verän­derung oder Relativierung.

Doch wie in der Ver­gan­gen­heit schon fromm klin­gende Men­schen die his­torische Wahrheit leugneten und sie durch eine ‘poet­is­che Wahrheit‘ erset­zten, so sind wir heute hin­sichtlich der geistlichen Wahrheit des Evan­geli­ums kon­fron­tiert mit ähn­lichen Verän­derungsver­suchen. Dies find­et beispiel­sweise dann statt, wenn in Frage gestellt wird, ob der Men­sch Gott gegenüber wirk­lich ein Sün­den­prob­lem hat, das ein­er Lösung bedarf. Oft tritt in unseren Tagen an die Stelle der real­is­tis­chen Lehre von der Sünd­haftigkeit und Erlö­sungs­bedürftigkeit des Men­schen eine unre­al­is­tis­che, aber pop­uläre Lehre von der Ur-Güte des Menschen.

Ein Blick in die bib­lis­che Urgeschichte zeigt uns, dass Gott seine Schöp­fung tat­säch­lich ‘gut’ oder gar ‘sehr gut’ gemacht hat (1Mo 1:31). Das ist eine wichtige Wahrheit, von der uns in den ersten bei­den Kapiteln der Bibel berichtet wird und die nie los­ge­lassen wer­den darf, wenn wir über den Men­schen reden. Die gle­iche Bibel ken­nt aber auch noch ein drittes und viertes Kapi­tel. Diese machen klar, dass es ein Prob­lem gibt. Der Men­sch ist auf­grund eigen­er Entschei­dun­gen und Hand­lun­gen von Gott getren­nt. Wir sind deswe­gen auch voneinan­der ent­fremdet, haben uns in Schuld ver­strickt. Es ist dieses Prob­lem, welch­es durch Jesus am Kreuz gelöst wird.

Fragen von Schuld und Sühne bleiben aktuell.

Zur Real­ität der Sünde zu ste­hen und auch über sie zu reden, mag in unseren Tagen schwierig sein. Manche meinen, dass der mod­erne Men­sch sich unter Sünde nichts mehr vorstellen kann und wir deshalb nicht mehr darüber reden soll­ten. Man kann es auch anders sehen – näm­lich, dass es einen Nach­holbe­darf gibt in der Kommunikation.

Meine per­sön­liche Wahrnehmung ist, dass Fra­gen von Schuld und Sühne in unser­er Gesellschaft eigentlich viel präsen­ter sind, als manche wahrhaben wollen.

Viele der grossen gesellschaftlichen Diskurse unser­er Tage, von Fra­gen der Diskri­m­inierung übers Kli­ma bis zu Forderun­gen nach Repa­ra­tionszahlun­gen wegen ver­gan­gener Ungerechtigkeit­en wer­den zutief­st in der Rhetorik von Schuld und Sühne aus­ge­tra­gen. So hat erst kür­zlich eine Task­force der schwarzen Gemein­schaft in Boston (USA) ihre Forderung an die «weis­sen Kirchen» ihrer Stadt fol­gen­der­massen for­muliert:

«Wir weisen sie in christlich­er Liebe darauf hin, öffentlich Busse zu leis­ten für die Sün­den der Sklaverei, und wir bit­ten sie, sich öffentlich zu einem Prozess der Wiedergut­machung zu verpflicht­en, bei dem sie ihren grossen Reich­tum — bei eini­gen dieser Kirchen sind es Dutzende von Mil­lio­nen Dol­lar — in die schwarze Gemein­schaft ein­brin­gen.» (eigene Übersetzung)

In diesem Beispiel bewegt sich die Sün­den-Rhetorik, wie so oft in unser­er Zeit, eher auf der Ebene von Struk­turen und Sys­te­men. Wir dür­fen uns aber an die Wahrheit erin­nern, welche uns Jesus aufgezeigt hat, näm­lich dass die Wurzeln der Sünde nicht in den dur­chaus vorhan­de­nen ungerecht­en Sys­te­men dieser Welt, son­dern in den Herzen der Men­schen liegen, welche diese Sys­teme erschaf­fen (Mk 7:20–23). Anders gesagt: das Böse ist «da draussen», weil es von «da drin­nen» kommt.

Woher die Skepsis, über Sünde zu reden?

Bei unserem Unwillen, über Sünde zu reden, geht es vielle­icht eher darum, dass wir selb­st die bib­lis­che Lehre der Sünde als pein­lich oder unzu­mut­bar für den Men­schen sehen. Wir selb­st sind diejeni­gen, welche das bib­lis­che Konzept ein­er stel­lvertre­tenden Schuldüber­nahme durch Jesus als prob­lema­tisch empfinden.

Diese Lehre macht auf alle Fälle zwei anspruchsvolle Aus­sagen über uns. Zum einen stellt sie fest, dass wir uns selb­st nicht der­art per­fek­tion­ieren kön­nen, dass wir vor Gott beste­hen kön­nten. Zum anderen macht sie klar, dass unsere Schuld eine Dimen­sion vor Gott hat, welche nur durch die Voll­streck­ung eines Todesurteils aufge­wogen wer­den kann (Vgl. Rö 6:23; Heb 9:22,28)

In unser­er west­lichen Kul­tur mit ihrem men­schen­zen­tri­erten Welt­bild, lösen solche Fest­stel­lun­gen Irri­ta­tio­nen aus. Wir anerken­nen vielle­icht Schuld­fra­gen als inner­weltlich zu lösendes Prob­lem, jedoch nicht als Prob­lem zwis­chen Men­sch und Gott. Der Psalmist David macht in seinem wohl bekan­ntesten Bussp­salm aber deut­lich, was für viele heute unver­ständlich ist, näm­lich dass zwis­chen­men­schliche Schuld auch die Beziehung zu Gott bet­rifft. Sein Buss­ge­bet nach dem Ehe­bruch mit Bat­se­ba bringt dies zum Ausdruck:

«Nicht nur an Men­schen bin ich schuldig gewor­den, gegen dich selb­st habe ich gesündigt; ich habe getan, was du ver­ab­scheust. Darum bist du im Recht, wenn du mich schuldig sprichst; deinen Richter­spruch kann nie­mand tadeln.» (Ps 51:6; GN)

Viele, die Mühe haben mit solchen bib­lis­chen Diag­nosen des Men­schen, sehen dann im grausamen Tod Jesu eine viel zu ‘blutige’ Lösung des Prob­lems. Sie zeich­nen ein Bild des Kreuzes­geschehens als Geschichte eines rachesüchti­gen himm­lis­chen Vaters, der sein Kind bestraft für Tat­en, die es nicht began­gen hat.[1] Doch das Kreuzes­geschehen ist in der Liebe gegrün­dete Selb­sthingabe Gottes (Joh 3:16). Der dreieinige Gott übergibt die Strafe für die men­schliche Sünd­haftigkeit nicht einem Drit­ten, mit dem er nicht ver­bun­den ist. Er nimmt Fleis­ches­gestalt an, um sie selb­st zu tra­gen (Phil 2:6–11).

Eine unaufgebbare geistliche Wahrheit

Was Jesus ein­ma­lig ausze­ich­net, ist sein Ver­mö­gen, uns nicht nur als Vor­bild zu inspiri­eren, son­dern unser grundle­gen­des Prob­lem zu lösen, uns von unser­er Schuld Gott gegenüber zu befreien. Es ist die göt­tliche Antwort auf die reale Ursache zwis­chen­men­schlich­er Ent­frem­dun­gen und Ver­w­er­fun­gen. Paulus macht dies klar im Vers 17 unseres Kapitels:

«Ist Chris­tus aber nicht aufer­standen, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sün­den» (1Kor 15:17)

Die Real­ität des Kreuzes­geschehens und die Real­ität der Sün­den­verge­bung sind untrennbar miteinan­der ver­bun­den. Ohne das eine gibt es auch das andere nicht. Während der Tod Jesu ‘für unsere Sünde’ geschah, drückt seine Aufer­ste­hung diesem Geschehen das Siegel der Echtheit auf. Christliche Leit­er, welche diese Real­ität ihren Anver­traut­en aus welchen Grün­den auch immer voren­thal­ten, haben die Ern­sthaftigkeit aber auch die Hoff­nung der Botschaft des Kreuzes nicht verstanden.

Die Botschaft des Kreuzes ist unglaublich hoff­nungsvoll und befreiend. Denn wenn Jesu Hingabe für uns am Kreuz um unser­er Sünde willen und seine Aufer­ste­hung eine Real­ität sind, dann gibt es sie tat­säch­lich, die göt­tliche Antwort auf das Prob­lem der men­schlichen Sünde, ein­schliesslich allen damit ver­bun­de­nen zwis­chen­men­schlichen Ent­frem­dun­gen und Ver­w­er­fun­gen.[2]

Es gäbe an dieser Stelle noch so viel zu sagen. Die Bibel redet ja in vie­len wun­der­baren und manch­mal auch geheimnisvollen Bildern von dem, was am Kreuz geschehen ist. Da gibt es, um ein Bild aus dem ersten Artikel wieder aufzunehmen, eine ganze Fülle an Klän­gen, welche zu dieser wun­der­schö­nen Melodie beitra­gen. Mein Ziel hier kann nicht sein, all diese Klänge zu beschreiben, son­dern ich möchte mich auf unseren Text und dessen Aus­sagen beschränken. Unser Text macht in aller Schlichtheit klar: Ohne den tra­gen­den Klang der stel­lvertre­tenden Schuldüber­nahme durch Jesus würde die wun­der­bare Melodie des Evan­geli­ums verstummen.

«Chris­tus ist gestor­ben für unsre Sün­den» – das ist unaufgeb­bare geistliche Wahrheit des Evan­geli­ums. Eine Hymne bringt diese Wahrheit sehr schön zum Aus­druck und kann uns in die Anbe­tung unseres Erlösers führen:

Turn your eyes to the hillside
(Wende deinen Blick zum Hügel)
Where jus­tice and mer­cy embraced
(Wo Gerechtigkeit und Gnade sich umarmt haben)
There the Son of God gave His life for us
(Wo der Sohn Gottes sein Leben für uns hingab)
And our mea­sure­less debt was erased
(Und unsere grosse Schuld getil­gt wurde)


Hier geht es zum drit­ten Teil dieser Serie.

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Titel­bild:
iStock (Bild­bear­beitung: Peter Bruderer)

Fuss­noten:
[1] Vgl. Dazu die The­o­rie des ‘kos­mis­chen Kindsmiss­brauchs‘, die durch den britis­chen Autoren Steve Chalke bekan­nt­gemacht wurde. Siehe zum Beispiel eine Besprechung unter diesem Link: https://bekennende-kirche.de/artikel/kosmischer-kindesmissbrauch/
[2] Nicht umson­st wird Jesus auch als der Friede­fürst beze­ich­net (Jes 9:5, Vgl. Eph 2:14), als Urhe­ber wahrer Ver­söh­nung (2Kor 5:19). Wo Men­schen ihre Knie vor dem Friede­fürsten beu­gen (Phil 2:10), da wird sich auch zwis­chen­men­schlich­er Frieden und Gerechtigkeit zur realen Möglichkeit. Die Real­ität der Aufer­ste­hung ist der Garant dafür.

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