Die 10 Gebote des progressiven Christentums

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Vorwort der Herausgeber: 

Als wir 2019 bei Daniel Option anfin­gen zu bloggen, war das «pro­gres­sive Chris­ten­tum» im deutschsprachi­gen Raum noch nicht so bekan­nt. Inzwis­chen wird das The­ma in den Chef-Eta­gen von Gemein­den, Ver­bän­den und überge­meindlichen Werken offen disku­tiert. Man merkt: Hier sind Fra­gen im Raum, die beant­wortet wer­den müssen. 

Wir möcht­en mit der Veröf­fentlichung ein­er deutschen Über­set­zung von 10 kurzen und ein­fach ver­ständlichen Kapiteln des Buch­es «The 10 Com­mand­ments of Pro­gres­sive Chris­tian­i­ty» einen Beitrag für eine kri­tis­che Reflex­ion leisten.

Das Buch von Dr. Michael J. Kruger the­ma­tisiert the­ol­o­gis­che und ethis­che Schlüs­sel­bere­iche soge­nan­nt ‘pro­gres­siv­er’ The­olo­gie auf kurze und ver­ständliche Weise. Leit­er, die wenig Zeit haben und einen schnellen Zugang zu einem The­ma brauchen, wer­den hier genau­so gut bedi­ent wie Chris­ten, die weniger the­ol­o­gis­che Bil­dung haben, aber ver­ste­hen wollen, worüber plöt­zlich alle reden.

Die Kapi­tel eignen sich neb­st der per­sön­lichen Lek­türe auch für Diskus­sio­nen in der Ein­leitung von Sitzun­gen oder zur Gestal­tung von Hauskreis- und Kle­in­grup­pen-Anlässen. Dazu liefern wir mögliche Fra­gen, die disku­tiert wer­den kön­nen, die aber im englis­chen Orig­i­nal nicht vorhan­den sind.

Wir sind dankbar, dass Dr. Kruger und Cru­ci­form Press ihre Ein­willi­gung gegeben haben, dass wir diese «kri­tis­che Unter­suchung von 10 gefährlich ver­lock­enden Halb­wahrheit­en» (Unter­ti­tel der englis­chen Aus­gabe) hier an die deutsche Leser­schaft brin­gen können.

April 2023
Paul und Peter Bruderer

Die 10 Gebote des progressiven Christentums

Erstes Gebot:
Jesus ist mehr ein Vor­bild fürs Leben als ein Objekt unser­er Anbetung.

Zweites Gebot:
Das Poten­zial der Men­schen zu bestäti­gen, ist wichtiger als sie an ihre Gebrochen­heit zu erinnern.

Drittes Gebot:
Zwis­chen­men­schliche Ver­söh­nung ist wichtiger als das Fällen von Urteilen.

Viertes Gebot:
Gnädi­ges Ver­hal­ten ist wichtiger als richtiger Glaube.

Fün­ftes Gebot:
Fra­gen zu stellen, ist wertvoller als Antworten zu geben.

Sech­stes Gebot:
Die indi­vidu­elle Suche zu fördern, ist wichtiger als die Gle­ich­för­migkeit ein­er Gruppe zu wahren.

Siebtes Gebot:
Reale Bedürfnisse zu stillen, ist wichtiger als Insti­tu­tio­nen aufrechtzuerhalten.

Acht­es Gebot:
Frieden stiften, ist wichtiger als Macht.

Neuntes Gebot:
Wir soll­ten uns mehr um die Liebe und weniger um den Sex kümmern.

Zehntes Gebot:
Das Leben im Dies­seits ist wichtiger als die Zukun­ft im Jenseits.

Ein­leitung ins Buch — Dr. Michael J. Kruger:

Ein Meisterkurs in Halbwahrheiten

Im Jahr 1923 schrieb J. Gre­sham Machen, damals Pro­fes­sor am the­ol­o­gis­chen Sem­i­nar Prince­ton, seinen Klas­sik­er «Chris­ten­tum und Lib­er­al­is­mus».[1] Das Buch war eine Reak­tion auf den Auf­stieg des Lib­er­al­is­mus in den großen Kon­fes­sio­nen sein­er Zeit. Machen argu­men­tierte, dass das lib­erale Ver­ständ­nis des Chris­ten­tums nicht nur eine Vari­ante des Glaubens sei und auch nicht ein­fach nur eine andere kon­fes­sionelle Per­spek­tive darstelle, son­dern eine völ­lig andere Reli­gion sei. Ein­fach aus­ge­drückt: Das lib­erale Chris­ten­tum ist kein Christentum.

Das Bemerkenswerte an Machens Buch ist, wie vorauss­chauend es war. Seine Beschrei­bung des lib­eralen Chris­ten­tums – eine moral­is­tis­che, ther­a­peutis­che Ver­sion des Glaubens, die Fra­gen über Antworten stellt und «gut» über «richtig» – gibt es im Grunde genom­men auch heute noch in der­sel­ben Form. Schon allein aus diesem Grund sollte das Buch für alle The­olo­gi­es­tu­den­ten, Pas­toren und christlichen Leit­er Pflichtlek­türe sein. Obwohl seine mod­er­nen Ver­fechter das lib­erale Chris­ten­tum als etwas Neues und Rev­o­lu­tionäres darstellen, ist es nichts der­gle­ichen. Es mag neue Namen haben (z.B. «emer­gentes» oder «pro­gres­sives» Chris­ten­tum), ist aber ein­fach ein Auf­guss des­sel­ben alt­bekan­nten Sys­tems, das seit Gen­er­a­tio­nen existiert.

Die ständi­ge Präsenz des lib­eralen Chris­ten­tums ist mir vor kurzem aufge­fall­en, als ich auf eine tägliche Andacht von Richard Rohr stieß, in welch­er er zehn Prinzip­i­en auflis­tet, die das mod­erne Chris­ten­tum verkör­pern sollte. Diese zehn Prinzip­i­en von Rohr stam­men aus dem Buch von Philip Gul­ley «If the Church Were Chris­t­ian: Redis­cov­er­ing the Val­ues of Jesus».[2]

In der Andacht­srei­he – iro­nis­cher­weise mit dem Titel «Rück­kehr zum Wesentlichen» – legt Rohr die zehn Prinzip­i­en als eine Art Beken­nt­nis zum mod­er­nen the­ol­o­gis­chen Lib­er­al­is­mus dar (während er gle­ichzeit­ig vorgibt, Beken­nt­nis­erk­lärun­gen zu miss­bil­li­gen). Sie sind eine Art «Zehn Gebote» für das pro­gres­sive Christentum.

Diese zehn Gebote klin­gen nicht so, als wären sie auf einem Berggipfel emp­fan­gen wor­den, son­dern eher, als wären sie in einem Uni­ver­sitäts-Klassen­z­im­mer zusam­mengestellt wor­den. Es geht bei ihnen weniger darum, dass Gott seine Wün­sche offen­bart, son­dern mehr darum, dass der Men­sch seine eige­nen Wün­sche zum Aus­druck bringt – weniger Moses, mehr Oprah.

Doch Achtung: jedes dieser Gebote ist teil­weise wahr. Das ist es, was diese Liste und das pro­gres­sive Chris­ten­tum als Ganzes so her­aus­fordernd macht. Es ist ein Meis­terkurs in Halb­wahrheit­en, die ober­fläch­lich betra­chtet, ver­lock­end klin­gen, bis man tiefer gräbt und ihre Grund­la­gen und Imp­lika­tio­nen wirk­lich erforscht. Ben­jamin Franklin hat­te Recht, als er sagte:

«Die halbe Wahrheit ist oft eine grosse Lüge.»

In den näch­sten zehn Kapiteln wer­den wir jede dieser Lehren diag­nos­tizieren und kri­tisieren. Wir wer­den eine bib­lis­che und the­ol­o­gis­che Antwort darauf geben und gele­gentlich in Gre­sham Machens Klas­sik­er ein­tauchen. Wenn die Kirche an dem Glauben fes­thal­ten will, «der den Heili­gen ein für alle Mal über­liefert wor­den ist» (Judas 3), dann müssen wir in der Lage sein, den wahren Glauben von dem zu unter­schei­den, was sich als wahrer Glaube ausgibt.

Meine Hoff­nung und mein Gebet sind, dass dieser kurze Band diese wichtige Auf­gabe ein wenig leichter macht.

» Hier geht es zum ersten Gebot

Fussnoten:

[1] J. Gre­sham Machen, Chris­tian­i­ty and Lib­er­al­ism (Grand Rapids, MI: Eerd­mans, 2009)
[2] Philip Gul­ley, If the Church Were Chris­t­ian: Redis­cov­er­ing the Val­ues of Jesus (San Fran­cis­co, CA: Harper­One, 2010)

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15 Comments
  1. Dominik 5 Monaten ago
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    Die direk­te Verbindung des Quäk­er Pas­toren Philip Gul­ley mit der pro­gres­siv­en Bewe­gung im deutschsprachi­gen Raum finde ich eher irreführend. Schon diese zwei Kapi­tel pro­jiziert eine sehr extreme Hal­tung auf alle Pro­gres­siv­en und fördert das Feind­bild nur mehr, anstatt das Brück­en gebaut werden.

    • Paul Bruderer 5 Monaten ago
      Reply

      Danke für deine Rück­mel­dung. Ich erlebe, dass diese Werte (‘Gebote’) genau so wirk­sam sind bei uns in Europa — völ­lig unab­hängig dessen, was auf der anderen Seite des Teich­es läuft oder nicht. Ich kann dir per­sön­lich zusich­ern, dass wir von unser­er Seite her äusserst viele Ver­suche des Dialog’s unter­nom­men haben. Kein einziges Gespräch war the­ol­o­gisch frucht­brin­gend — da wo sie über­haupt stat­tfind­en kon­nten. Bei eini­gen pro­gres­siv­en Leit­ern ist uns über mehrere Jahre das Gespräch ver­weigert wor­den, ohne dass es über­haupt zu einem Erst­ge­spräch kam. Einige andere hat­ten zum Glück weniger Berührungsäng­ste. Ich sage das alles nicht nicht mit Freude, son­dern mit Trauer im Herzen. Kür­zlich habe ich einen pro­gres­siv­en Leit­er getrof­fen, es war nett für das per­sön­liche Ken­nen­ler­nen, aber die the­ol­o­gis­che Inter­ak­tion führte zu kein­er­lei Verän­derung. Ich glaube wir sind in ein­er Phase, in der etwas sicht­bar wird, das vie­len nicht passt: Das Pro­gres­sive als Par­a­dig­ma ist unvere­in­bar mit dem his­torisch-Beken­nt­nis Par­a­dig­ma. Darum bricht jed­er Dia­log im Nu zusam­men. Es stimmt, dass es wichtige Unter­schiede gibt. Dr. Roland Hard­meier hat sich gut damit auseinan­derge­set­zt und ich empfehle seine Dif­feren­zierun­gen: https://danieloption.ch/bibel‑2/postevangelikalismus-postmoderne-progressives-christentum/

      Kruger ist übri­gens dur­chaus dif­feren­zierend gegenüber unter­schiedlichen Vari­anten des Pro­gres­siv­en. In nahezu jedem Kapi­tel, wird das deut­lich. Ich denke der Punkt ist: die von ihm beschriebene Vari­ante gibt es eben auch. Und sie zieht Kreise. Wir find­en: Da darf man gut und gerne öffentlich etwas dazu sagen.

    • Paul Bruderer 5 Monaten ago
      Reply

      Ich würde mich freuen, einen Kaf­fee mit dir zu trinken oder ein Bier und auszu­tauschen. Meld’ dich!

    • Ruben Cadonau 5 Monaten ago
      Reply

      Danke für die Kri­tik, mich hat das beim Lesen auch gestört.
      Der Autor operiert ständig mit Masken, die rein der Polemik dienen. Ich bezwei­fle sehr, dass ein ‘pro­gres­siv­er’ The­ologe, so undif­feren­zierte Annah­men tre­f­fen würde, wie Herr Krüger das hin­stellt. Seine Ironie-Moves lassen die anonyme Gegen­seite als lächer­liche Fig­uren daste­hen, die ihre eigene The­olo­gie nicht zu ende denken können.
      Dazu kommt, der Grund­sät­zlich besser­wis­serische Unter­ton des Buch­es, der schon daher rührt, dass Herr Krüger meint seinem Geg­n­er bess­er zu ken­nen, als die sich selb­st, indem er die pro­gres­sive Hermeneu­tik in Form von 10 Ide­ol­o­gis­men darlegt.
      Offen­sichtlich geht es nicht um ein echt­es Ver­ste­hen der Anderen, son­dern eine polemis­che Diffamierung.

      • Paul Bruderer 5 Monaten ago
        Reply

        Lieber Ruben, wie konkret agiert Kruger mit ‘Masken’? Er zitiert fair, anerken­nt wo sein pro­gres­sives Gegenüber richtig liegt, nimmt klar Dis­tanz dazu, wo er es anders sieht. Auch geht er auch immer von Aus­sagen aus, die Pro­gres­sive selb­st for­muliert haben — also nicht von seinen eige­nen Aus­sagen. Auch im deutschen Raum sind einige dieser Werte öffentlich als Werte Pro­gres­siv­er beze­ich­net wor­den. Was ist daran dif­famierend? Ein­fach nur, weil es Kruger anders sieht als manche Pro­gres­sive oder als du heisst nicht, dass er dif­famierend ist. Ist ander­er Mei­n­ung sein automa­tisch Diffamierung?

        • Ruben Cadonau 5 Monaten ago
          Reply

          Lieber Paul
          Ich halte das Label „pro­gres­sives Chris­ten­tum“ für eine Chiffre, die Abwe­ich­ler von Eur­er eige­nen Mei­n­ung dif­famieren soll. Es hat wie die Links – Rechts Schubla­disierung eine rein polemis­che Funktion.

          Zwei Beispiele im Text, in der Ein­leitung spricht er absichtsvoll den pro­gres­siv­en ihre Zuge­hörigkeit zu Chris­tus, qua fehlen­der „Richtigkeit“ ihrer The­olo­gie, ab. Zitat: „Machen argu­men­tierte, dass das lib­erale Ver­ständ­nis des Chris­ten­tums nicht nur eine Vari­ante des Glaubens sei und auch nicht ein­fach nur eine andere kon­fes­sionelle Per­spek­tive darstelle, son­dern eine völ­lig andere Reli­gion sei. Ein­fach aus­ge­drückt: Das lib­erale Chris­ten­tum ist kein Christentum.“
          Das Prob­lem ist, dass man so von den eige­nen hermeneutis­chen Unsicher­heit­en ablenken kann, denn die eigene Posi­tion ist als Gegenüber zur Pro­gres­siv­en (die ja ein­fach falsch ist) als ‘richtige’ aus­geze­ich­net. So weit die Logik der Polemik. Viel inter­es­san­ter und auch ehrlich­er fände ich, warum Herr Krüger denn seine eigene „Mei­n­ung“ für die richtige hält, unab­hängig von sein­er Abgren­zungslogik gegenüber den „falschen“. Also die Begrün­dung der eigene the­ol­o­gis­che Sach­lichkeit im Vol­lzug dar­legen würde.
          Schon klar, Polemik verkauft sich bess­er als wis­senschaftliche Nüchtern­heit, aber von einem Prof. erwarte ich das eigentlich schon.
          Ich kor­rigiere mich gerne, es ist schon so, dass er sich an Richard Rohr und Philip Gul­ley abar­beit­et, aber dieser ste­ht ja nicht für eine Bewe­gung. Zumin­d­est ist die Annahme dieser ste­he für „das“ pro­gres­sive Ele­ment im Chris­ten­tum ist ja doch Erklärungsbedürftig.
          Als Beispiel für die Masken ein Zitat aus dem vierten Gebot:
          „Hierin liegt eine grosse Ironie. Die Aus­sage «Gnädi­ges Ver­hal­ten ist wichtiger als der richtige Glaube» ist selb­st eine Aus­sage darüber, was wir glauben sollen! Offen­bar ist «richtiger Glaube» doch wichtig.“

          Warum ich das für ein Pam­phlet, eine dif­famierende Schrift, halte?
          Es stimmt, Krüger for­muliert anständig und wird nicht abfäl­lig oder belei­di­gend. Sub­ku­tan ist hier aber eine Absage an alle Chris­ten, die sich kri­tisch gegenüber Missstän­den in den beste­hen­den, kon­ven­tionellen Kirchen ein­set­zen. Man kann näm­lich die 10 Gebote Rohrs auch wohlwol­lend inter­pretieren, ohne ein Anhänger sein­er eso­ter­ischen Ansicht­en wer­den zu müssen, oder ihm seine Zuge­hörigkeit zu Jesus abzusprechen.
          Wer das, wie Krüger, unter der ver­schleierten Voran­nahme, dass seine Urteil bib­lis­ch­er, richtiger und wahrer sei als die sein­er pro­gres­siv­en Opponenten

          • Paul Bruderer 5 Monaten ago

            Lieber Ruben

            Wir kön­nen gerne mal etwas trinken gehen. Das ist das Beste für solche Diskus­sio­nen 😊 Meine Num­mer ist 076 434 90 10. Meld’ dich.

            Weil aber das Gespräch hier schon ange­fan­gen hat, fände ich es für einige wenige Punk­te wertvoll, die Inter­ak­tion ein wenig weiterzuführen.

            Du sagst das Label ‘pro­gres­sives Chris­ten­tum’ sei etwas, das Leute wie ich als Dif­famierungsmeth­ode benutzen und wir wür­den die Begriffe (rein) polemisch ein­set­zen. Deine Aus­sage finde ich doch ziem­lich bemerkenswert. Und zwar u.a. weil der Begriff (respek­tive die Begriffs-Gruppe) von Leuten wie Benz und anderen selb­st benutzt wird. ‘Pro­gres­siv’ ist ein­deutig auch eine Selb­st-Beze­ich­nung und nicht nur eine Fremd-Bezeichnung.

            Konkreter: Im englis­chsprachi­gen Raum ist ‘pro­gres­sive Chris­tian­i­ty’ etabliert­er als im deutschen Raum wo eher ‘pro­gres­siv glauben’ (Benz in seinem Buch und auf sein­er Face­book Seite) oder ‘poste­van­ge­likal’ (z.B. Lukas Amstutz und andere) benutzt wird. Es wird aber auch vom ‘pro­gres­siv­en Chris­ten­tum’ und ‘pro­gres­siv­er The­olo­gie’ gesprochen. 

            Wir bei DanielOp­tion haben eine Zeit­lang ver­sucht ohne diese Labels zu agieren auf­grund von Bit­ten seit­ens von pro­gres­siv Glauben­den. Es ging ihnen darum, dass sie sich nicht im allem iden­ti­fizieren kön­nen, was mit diesen Begrif­f­en ver­bun­den wird. Wir haben das respek­tiert. Im let­zten Jahr ist aber eine Zunahme der Nutzung des Begriffs ‘pro­gres­siv’ vorhan­den, und zwar nicht von unser­er Seite son­dern von pro­gres­siv­er Seite. Darum find­en wir es ange­bracht, wieder damit zu agieren. Aber nicht – und das ist mir wichtig und ich wider­spreche deinem Ein­gangssatz in aller Deut­lichkeit – als Meth­ode der Dif­famierung oder Polemik. Wir wollen so weit wie möglich die Selb­st­beze­ich­nun­gen benutzen der­jeni­gen, mit denen wir inter­agieren. Und es geht uns dabei um die inhaltlichen Aus­sagen, nicht um die Per­son. Wer im öffentlichen Raum etwas sagt, muss diese bei­den Ele­mente unter­schieden können.

            Über die Frage ‘was ist das Chris­ten­tum?’ und den damit ver­bun­de­nen Fra­gen (z.B. ‘wie viel muss ein Christ men­tal ver­standen haben, damit er Christ sein kann?’ oder ‘Ist mit der Aus­sage von Kruger auch das per­sön­liche Heil eines Men­schen ver­bun­den?’) würde ich gerne bei einem Tre­f­fen reden. Ich würde da gerne von dir hören, was dein­er Ansicht nach das ‘Chris­ten­tum’ ist und ob man da auch der­art daneben liegen kann (dein­er Mei­n­ung nach), dass man raus ist.

            Ich möchte auch gerne präzis­er von dir hören, warum du bei Kruger von ‘Unsicher­heit’ redest. Wie kommst du darauf, dass seine Einord­nung von ‘richtig’ und ‘falsch’ mit eigen­er (hermeneutis­ch­er) Verun­sicherung zu tun hat? Hat jed­er, der ‘richtig’ und ‘falsch’ ein­teilt automa­tisch eine Verun­sicherung? Du machst es ja gegenüber Kruger ja im Grunde genom­men auch ein Stück­weit. Gut finde ich deine Frage an Kruger, wie er seine Ausle­gung begrün­det. Vielle­icht find­en wir noch etwas von ihm dazu?

            Du schreib­st auch «Sub­ku­tan ist hier aber eine Absage an alle Chris­ten, die sich kri­tisch gegenüber Missstän­den in den beste­hen­den, kon­ven­tionellen Kirchen ein­set­zen.» Stellst du Kruger angemessen dar, wenn du das sagst? Kruger hat in nahezu jedem Kapi­tel Punk­te, an denen er sich mit Kri­tik von Gul­ley gegenüber den kon­ven­tionellen Kirchen ein­ver­standen erklärt.

          • Ruben Cadonau 4 Monaten ago

            Ja, ich fänd es gut mit dir dann per­sön­lich über Benz’ Buch zu reden.
            Man muss ja die schlecht­en Ange­wohn­heit­en ander­er nicht übernehmen. 😉
            Aber ganz abge­se­hen davon, dass ich von der Labelisierung auch als Selb­st­beze­ich­nung nicht viel Frucht­bares abgewinne kann, möchte ich anmerken: Im Buch von Benz, in der Erk­lärung von Amstutz geht es nicht um eine Abgren­zung von Kon­ser­vatismus per se, son­dern um einen per­sön­lichen Neuan­fang oder Auf­bruch aus eine religiösen Vorstel­lungswelt und damit zusam­men­hän­gen­den Glauben­sprax­is, die für sie per­sön­lich blut­leer gewor­den ist. „Pro­gres­siv“ dient bei diesen zwei Autoren und The­olo­gen als Chiffre für ein Trotz­dem, für ein Weit­er­glauben wollen und kön­nen. Das heisst, ihr Glaube ist an den Dog­men ihrer religiösen Sozial­i­sa­tion beina­he zer­brochen. Ich lese bei diesen keine Ablehnung für ein „kon­ser­v­a­tives“ Chris­ten­tum, diese Beze­ich­nung spielt kaum eine Rolle, denn es geht um ihren eige­nen und kreativ­en Auf­bruch und die Neukon­struk­tion ihres christlichen Glaubens.
            Deine Punk­te für das Gespräch hab ich mir notiert.
            Zu Krugers Absage: Er schreibt ja wörtlich, dass lib­erale Chris­ten keine Chris­ten seien, auch wenn er sich auf Machen und dessen Selb­st­beze­ich­nung beruft, er zitiert ihn ja nur zwecks Affirmation.
            Ein­deutiger kann man kaum schreiben.

      • Paul Bruderer 5 Monaten ago
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        Wie würdest du eine faire Darstel­lung der the­ol­o­gis­chen Überzeu­gun­gen ein­er Mehrheit Pro­gres­siv­er in Worte fassen?

        • Ruben Cadonau 5 Monaten ago
          Reply

          Sor­ry, vorzeit­ig abgesendet.
          Das schöne an der The­olo­gie ist ja, es gibt keine wirk­liche ein­heitliche the­ol­o­gis­chen Überzeu­gung, darum finde ich schon die Labelisierung irreführend. Für mich ist die rote Lin­ie über­schrit­ten, wo man anderen ihre Jesus Zuge­hörigkeit abspricht oder absprechen will.

          Unter Pro­gres­siv wer­den meines Eracht­ens oft plattpoli­tis­che Posi­tio­nen sub­sum­iert, näm­lich die pro Hal­tung gegenüber Queeren und link­er Abtrei­bungs­be­führwortern, und was noch in die „pro­gres­sive“ Schublade gehört, die sich dafür expliz­it als Chris­ten ein­set­zen. Oder es ist eben eine The­olo­gie beze­ich­net, die zu solchen Posi­tio­nen führt. Das halte ich grund­sät­zlich für nicht falsch, aber diese ober­fläch­lich Polemik wird dem Anliegen nicht unbe­d­ingt gerecht, finde ich zumindest.

          Es gibt ja dur­chaus mir, uns, fremde Gestal­ten des Glaubens, um die man zu stre­it­en hat, ger­ade das ist ja die Auf­gabe der Dog­matik. Aber das ist nicht möglich, wenn nicht der Ver­such gewagt wir den Anderen auch bis in die tiefe zu ver­ste­hen zu ver­suchen, auch wenn das nicht gelin­gen mag, aber der Respekt gegenüber der Per­son und die Möglichkeit ihres Glaubens an Jesus, den wir gemein­sam haben, fordern eine redlichere und wohlwol­len­dere Auseinan­der­set­zung. Das ist ger­ade eine wis­senschaftliche Auf­gaben. Karl Barth hat es so formuliert:
          „In der wirk­lichen Begeg­nung mit der Häre­sie wird der Glaube in Kon­flikt mit sich sel­ber gestürzt, weil er — solange und sofern er die Häre­sie nicht los­ge­wor­den ist, solange und sofern sie ihn vielmehr ange­ht, solange und sofern er sich ihr gegenüber ver­ant­worten muß — nicht umhin kann, sie trotz der Stimme des Unglaubens, die er aus ihr zu vernehmen meint, min­destens auch als Glauben und nicht nur als Unglauben zu behan­deln. Er muß sie als eine Möglichkeit des Glaubens ver­ste­hen, freilich als eine ihm tief unver­ständliche, als eine solche, die er nur als eine Möglichkeit der Störung und Zer­störung des Glaubens auf­fassen kann, als eine Möglichkeit, die er abwehren muß — aber als eine Möglichkeit des Glaubens sel­ber und darum und insofern (deshalb auch die Notwendigkeit heftiger Abwehr!) als seine eigene Möglichkeit, als eine Möglichkeit nicht außer­halb, son­dern, wie unan­schaulich immer als solche, inner­halb der Kirche. Darum ist dieser Kon­flikt ein ern­sthafter Kon­flikt und darum kann und muß nun die Auf­gabe expliziter Rechen­schaftsablage über den in der Dog­matik zu bege­hen­den Erken­nt­nisweg eine innere, in der Sache selb­st begrün­dete Notwendigkeit wer­den.“ (KD I,1, 32f.)
          Ich bin also nicht gegen den Stre­it, son­dern gegen die Art wie es einem Prof. nicht ziemt. Es wäre dur­chaus inter­es­sant die (mir per­sön­lich) selt­samen Posi­tio­nen von Rohr zu befragen.

          Sor­ry ich hab jet­zt viel heisse Luft raus­ge­lassen. Mich stört haupt­säch­lich das es ver­meintlich, den pro­gres­siv­en den Glauben abspricht. Mit der Grundthese, dass es gute The­olo­gie braucht gehe ich voll mit. Nur bezwei­fle ich, dass uns Herr Krüger eine The­olo­gie präsen­tiert, die sich in sein­er geforderten Qual­ität von der kri­tisierten wesentlich unterscheidet.
          Ich bin etwas aller­gisch auf The­ol­o­gis­men, die sich diese Ausze­ich­nung m.E. ohne Ver­di­enst selb­st ver­lei­hen oder anderen Absprechen, kann es nicht offen bleiben? Oder zumin­des ein paar Kri­te­rien an denen jet­zt Rohrs und Gul­leys Aus­sagen gemessen wer­den, wären hil­fre­ich. Beson­dern Richard Rohrs Werk ist ja doch etwas umfan­gre­ich­er als, dass man ihm Gerecht wird, wenn man ihn an einem Vor­trag „aufhängt“.

          Anson­sten wären ja die sozialethis­chen Imp­lika­tio­nen dur­chaus inter­es­sant zu disku­tieren. Beson­ders Gebot 4 würde mich inter­essieren, ob hier wirk­lich eine „richtige“ Lehre uns gnädi­ger macht oder doch nicht ganz etwas anderes? Anson­sten finde ich das Gebot unbestech­lich, sich liebevoll zu ver­hal­ten, geht dem Buch­staben in jedem Fall vor, ger­ade das ist ja die „gesunde“ Lehre. Noch ein let­ztes Indiz für Krügers plat­te Polemik in Gebot 4: ich habe noch keine Men­schen getrof­fen, die mich als The­olo­gen qua The­ologe sein für spal­ter­isch oder so hal­ten. Mich wür­den inter­essieren, ob es dazu empirische Befunde gibt, statt nur die plat­te Behaup­tung Krügers, die ja doch alarmierend sein muss, sofern sie wahr ist.

          Danke noch für die wertschätzen­den Replys.

          • Paul Bruderer 5 Monaten ago

            Danke für die klären­den Antworten auf meine Rück­fra­gen. Gerne möchte ich über die näch­sten Tage hier mit dir etwas hin und her schreiben. Wäre das für dich okay? Ich habe näm­lich noch eine ganze Rei­he von Rück­fra­gen an das, was du geschrieben hast.

          • Ruben Cadonau 5 Monaten ago

            Klar. Wir kön­nen auch gerne per­sön­lich mal disku­tieren, auf ein Kaffe zum Beispiel. Oder per E‑Mail, dass ist etwas han­dlich­er als die Kom­men­tarsek­tion. LG

          • Paul Bruderer 5 Monaten ago

            Nein: es gibt an vie­len grundle­gen­den Punk­ten sehr wohl ein­heitliche the­ol­o­gis­che Überzeu­gun­gen in grossen Bere­ichen des Chris­ten­tums. Über deine rote Lin­ie reden wir gerne an unserem Tre­f­fen. Was ist zum Beispiel, wenn man genau das gemacht, was du tun willst (den anderen dog­ma­tisch wirk­lich in die Tiefe ver­ste­hen) und kommt hin­ten doch mit der Schlussfol­gerung her­aus, dass die Aus­sagen wesentlich ausser­halb des Chris­ten­tums liegen? Was soll man dann dein­er Mei­n­ung nach machen? So tun als wäre es noch ‘drin’? Hast du im Neuen Tes­ta­ment ein­mal die Stellen gele­sen, in denen es über den Abfall vom Glauben geht? Wie siehst du diese Stellen? Das würde ich gerne von dir hören. Per­sön­lich sehe ich es so: Wir müssen auf der inhaltlichen/dogmatischen Ebene diese Dinge gründlich und so sauber wie möglich anschauen und zu Aus­sagen kom­men, wo Tol­er­anz und Frei­heit gefragt ist (aus mein­er Sicht ein sehr gross­er Bere­ich) und wo wir nicht mehr frei sind zu sagen ‘das ist auch noch drin’. Bezüglich der Frage, wer dann gerettet ist, müssen wir davon aus­ge­hen, dass es manche Über­raschung geben wird. Der Schäch­er am Kreuz war wohl nicht getauft und hat die Trinität nicht ver­standen und wird trotz­dem in der Ewigkeit sein. Dass Gott wo auch immer (z.B. im Nah­tod-Bere­ich) noch Begeg­nun­gen mit Men­schen haben kann, die ‘the­ol­o­gisch irgend­wo’ sind, ist für mich völ­lig plau­si­bel. Darum kön­nen wir in dieser Frage ein Stück entspan­nen und aufhören, sie zu brauchen, um dog­ma­tisch die mitunter völ­lige Auflö­sung des Chris­ten­tums einzufordern.

            Es ist übri­gens für mich völ­lig okay, mal etwas Dampf abzu­lassen. Da lernt man sich viel bess­er ken­nen! Freue mich auf das Gespräch mit dir über einem feinen frauen­felder Bier.

        • Ruben Cadonau 4 Monaten ago
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          Das ist natür­lich nicht leicht. Eine the­olo­giegeschichtliche Einord­nung wäre sich­er rat­sam, die von ein­er zeit­geschichtlichen Kon­tex­tu­al­isierung umrahmt ist. Es gibt ja schon einige Arbeit­en in diese Rich­tung. Ich bringe son­st ein paar mit zu unserem Gespräch, ich freue mich. 🙂

          Wenn man, wie ihr, eine Fehlen­twick­lung nach­weisen will, dann wäre das der Weg. Es müsste sich ein Muster abze­ich­nen und ggf. deren kor­re­lierende Fol­gen evi­dent sein.
          Ich per­sön­lich halte das aber für aus­ge­sprochen schwierig, weil dann deut­lich wird wie flu­ide und dynamisch Glauben­sprax­is ihrem Wesen nach ist. Eine gle­ich­bleibende Kirche, gar Freikirche hat es meines Wis­sens nie gegeben. Selb­st die kath. oder orth. Kirchen verän­dern sich, mag auch ihre Ver­fas­sung und Kirchen­recht (Insti­tu­tion) nur sehr sehr langsam verän­dern. Dann kommt auch noch der Kon­text ins Spiel, nicht über­all auf der Welt hat der christliche Glaube die gle­iche Gestalt und je nach Kon­text sind die Verän­derun­gen anders und gehen unter­schiedlich schnell vonstatten.
          Glaube ist wesentlich in Bewe­gung, ger­ade wenn er lebendig ist.
          Daher halte ich die Begriffe Kon­ser­v­a­tiv und Pro­gres­siv in diesem Zusam­men­hang für wis­senschaftlich-the­ol­o­gisch wenig hil­fre­iche Begriffe. Ihre eigentliche Funk­tion ist eine poli­tis­che, dort sind es stark polemisch aufge­ladene Begriffe. Ich per­sön­lich bin ein­fach wenig an der Polemik inter­essiert, son­dern an wirk­lich­er Glaubenserken­nt­nis. Aber ich bin mir bewusst, dass manch­mal Polemik hil­fre­ich sein kann, um poli­tisch, gesellschaftlich, sozial Verän­derung anzus­tossen. The­ol­o­gisch ist sie aber meines Eracht­ens begren­zt. „The­ol­o­gis­che“ Polemik muss gle­ichzeit­ig gut begrün­det sein, d.h. the­ol­o­gisch-wis­senschaftlich, son­st ist sie nur Polemik um ihrer selb­st willen. Und ob sie the­ol­o­gisch ist, entschei­det auch dog­ma­tisch an ihrer sach­lichen Begrün­dung in Jesus Chris­tus, son­st ist sie keine Theologie.

  2. Udo 5 Monaten ago
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    Ich denke, dass ihr damit ein sehr wichtiges The­ma ansprecht. Natür­lich steck­en wir alle in der Gefahr, mit Halb­wahrheit­en unter­wegs zu sein und ein­seit­ig zu denken (bzgl. Ein­seit­igkeit hat mich zum Beispiel schon immer irri­tiert, dass Leute, die sich ein­er­seits vehe­ment gegen Abtrei­bung ein­set­zen, keine Wahrnehmung dafür haben, dass wir als Chris­ten auch ver­ant­wor­tungsvoll mit der ganzen Schöp­fung umge­hen sollen, inklu­sive eines ver­ant­wor­tungsvollen Kon­sums). Ich stimme aber zu: am Ende lan­det „pro­gres­sives Chris­ten­tum“ in ein­er anderen Reli­gion, weil es Bibel und Beken­nt­nis verachtet.
    Ich freue mich schon auf eure Pub­lika­tion zu den weit­eren Geboten!

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