Der zweite Mose (1/4)

Paul Bruderer
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Haben Chris­ten einen Auf­trag in der Ökolo­gie? Müssen sie sozial oder poli­tisch aktiv sein? Oder soll­ten sie sich bess­er auf die Verkündi­gung des Wortes fokussieren und das andere denen über­lassen, die etwas davon ver­ste­hen? Was ist eigentlich der Umfang des Auf­trags, den Chris­ten in dieser Welt haben? Diese Fra­gen treiben uns Chris­ten herum. Wir find­en Antworten in ein­er uner­warteten Quelle: Dem Alten Testament.

Unsere Serie über Schlüs­selthe­men im Alten Tes­ta­ment hat einen Schw­er­punkt auf dem Auszug aus Ägypten (Exo­dus), der Wüsten­zeit und dem Einzug Israels in Kanaan. Wir haben Aspek­te dieser Geschichte angeschaut, die für Men­schen des 21. Jahrhun­derts prob­lema­tisch sind: Der Zorn Gottes (Teil 1 und Teil 2). In der­sel­ben Geschichte, die uns solche Mühe macht, find­en wir gle­ichzeit­ig Weg­weisendes für unser Leben als Chris­ten: Gott verän­dert uns, Gebet bringt Him­mel und Erde in Berührung miteinan­der, wir brauchen einen Ver­mit­tler zwis­chen Gott und uns.

In den näch­sten Blogs schauen wir uns ein Ele­ment an, das eben­falls aus dem Exo­dus kommt, und der meine Sicht auf diese Welt völ­lig verän­dert hat. In diesem Artikel führe ich mit­tels einem Text aus dem Neuen Tes­ta­ment an die The­matik her­an: Gottes ganzheitlich­es Heil­shan­deln. Im näch­sten Blog zeige ich 4 Dimen­sio­nen dieses ret­ten­den Ein­greifen Gottes anhand des Exo­dus. Anschliessend lassen wir das Neue Tes­ta­ment und die rev­o­lu­tionäre Liebe der ersten Chris­ten Revue passieren, um im let­zten Artikel zu fra­gen, was dies alles für uns heute bedeutet. Wir haben es hier mit einem The­ma zu tun, bei dem sowohl kon­ser­v­a­tive als auch lib­erale Chris­ten die Ten­denz haben, auf ein­er Seite des Pfer­des herunter zu fall­en. Die dritte Option hinge­gen inte­gri­ert die Dimen­sio­nen von Gottes ret­ten­dem Han­deln wunderbar.

Ich freue mich, wenn du mitkommst auf diese vier­wöchige Reise, die hof­fentlich auch deine Sicht auf diese Welt verän­dert, weil deine Sicht von Gott verän­dert wird.

Crossing the Red Sea, Wilhelm Kotarbiński, 1849-1921
Cross­ing the Red Sea, Wil­helm Kotar­bińs­ki, 1849–1921

Zwei Lieder

Ich gebe es offen zu: Ich bin ein Endzeit — Skep­tik­er. Zu oft haben Chris­ten ange­blich gewusst, wie das Ende dieser Welt ablaufen wird. Zu oft haben sie sich in ihren detail­lierten Aus­sagen verkalkuliert. Klar ist mir, dass Jesus wiederkommt und der Weg dor­thin von Kon­flik­ten, Kampf, Wider­spruch und Leid gekennze­ich­net ist. Aber auch von Sieg, Freude, Mut und einem Reich Gottes, das im Kom­men begrif­f­en ist.

Mit­ten in den Schilderun­gen dieser Ereignisse sticht etwas für mich her­aus: Chris­ten die Gott mit Liedern anbeten! Es sind Chris­ten die den Sieg davon­tra­gen und in der (himm­lis­chen) Heimat angekom­men sind. Sie schauen zurück auf ihr Leben, auf die mitunter drama­tis­chen Ereignisse und sie ver­ste­hen mehr als wir, worauf es ankommt. Was sie sehen und erken­nen, lässt Lieder der Anbe­tung aus ihren Herzen platzen! Eines ihrer Lieder hat mein Herz tief bewegt:

Sie san­gen das Lied Moses, des Dieners Gottes, und das Lied des Lammes: »Groß und wun­der­bar sind deine Tat­en, Herr, Gott, Allmächtiger. Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, König der Völk­er. Wer sollte dich nicht fürcht­en, Herr, und deinen Namen ver­her­rlichen? Denn du allein bist heilig. Alle Völk­er wer­den kom­men und vor dir anbeten, denn deine gerecht­en Tat­en sind offen­bart wor­den.« (Offb 15:3–4)

Wenn ich diesen Text lese und mir die Kulisse vor Augen führe in der diese bei­den Lieder gesun­gen wer­den, läuft es mir kalt den Rück­en herunter, meine Haut prick­elt, mein Geist sieht Dinge, die er son­st nicht sieht. Es sind die Über­winder, welche diese zwei Lieder proklamierend und anbe­tend vor­tra­gen. Sie haben das Tier, dessen Stand­bild und die Zahl seines Namens über­wun­den (was auch immer das genau ist, es ist nicht gut!). Und nach ihrem Sieg sin­gen sie. Ein Sieges­lied. Genau genom­men sind es zwei Lieder. Das Lied des Mose und das Lied des Lammes!

Das Lied des Lammes ist ein Bezug zum Opfer­tod Jesu Christi am Kreuz, während das Lied des Mose ein Bezug ist zu einem konkreten Lied, das Mose mit dem Volk Israel gesun­gen hat, nach dem Durchzug durchs Rote Meer (2Mo 15:1–21). Wir haben es hier also mit den bei­den wichtig­sten Heil­shand­lun­gen Gottes zu tun: Exo­dus und Kreuz. Auszug aus Ägypten und Opfer­tod Jesu, die wichtig­ste Ret­tungsak­tion Gottes im Alten Tes­ta­ment und die wichtig­ste im Neuen Testament.

Wir müssen beide Lieder singen

Die Sänger sind Chris­ten, denn sie wis­sen um Jesus. Trotz ihrer Bezo­gen­heit auf Jesus, sin­gen sie nicht nur das Lied des Lammes, son­dern auch das Lied des Mose. Dies scheint mir sehr bedeu­tungsvoll zu sein. Das Sin­gen des Liedes des Lammes übertönt nicht das Lied des Mose. Diese Über­winder blenden Gottes Ret­tung im alten Bund nicht aus. Die Ret­tung Gottes von Israel aus der Sklaverei ist untrennbar mit dem Einzug in Kanaan ver­bun­den, was wiederum mit dem ursprünglich­sten aller Bünde Gottes mit Israel zusam­men­hängt, dem Bund mit Abraham:

Ich bin der HERR und will euch wegführen von den Las­ten, die euch die Ägypter aufle­gen, und will euch erret­ten von ihrem Fron­di­enst und will euch erlösen… Und ich will euch in das Land brin­gen, über das ich meine Hand zum Schwur erhoben habe, dass ich’s geben will Abra­ham, Isaak und Jakob; das will ich euch zu eigen geben. Ich bin der HERR. (Aus 2. Mose 6:6–8)

Kein Wun­der sin­gen die Über­winder das Lied des Mose, welch­es sie an die Treue Gottes gegenüber Abra­ham erin­nert. In Jesus Chris­tus erfüllt Gott das, was er mit Abra­ham und Mose ange­fan­gen hat. Darum ist ihnen der Exo­dus, trotz der für unsere Zeitgenossen damit ver­bun­de­nen schlecht ver­daulichen Ele­mente, nicht pein­lich. Gottes Ret­tung durch Mose wird nicht ver­schwiegen, son­dern besun­gen:

“Groß und wun­der­bar sind deine Tat­en, Herr, Gott, Allmächtiger” (Offb 15:3–4)

Die Sänger wis­sen also, dass bei­de Ereignisse zusam­menge­hören, weil sie vom gle­ichen Gott aus­ge­hen, der in bei­den Fällen ret­tend in die Geschichte dieser Welt ein­greift. Sie haben ver­standen, dass bei­de Heilsmo­mente Licht aufeinan­der wer­fen. Wir kön­nen das Kreuz nicht ver­ste­hen, ohne den Exo­dus zu ver­ste­hen. Und wir kön­nen den Exo­dus nicht ver­ste­hen, ohne es vom Kreuz her zu erhellen. Wer das eine ohne das andere zu ver­ste­hen ver­sucht, bekommt ein verz­er­rtes Ver­ständ­nis davon, was es heisst, wenn Gott ret­tet. Und da wir als Chris­ten Gottes Mitar­beit­er in der Ver­mit­tlung des Heils in dieser Welt sind, müssen wir darauf acht­en, dass auch wir bei­de Lieder sin­gen. Wenn wir nur das Lied des Lammes oder nur das Lied des Mose sin­gen, wer­den wir eine unaus­ge­wo­gene Idee davon, was unser Auf­trag ist in dieser Welt.

Das verbindende Element

Was ist der Zusam­men­hang bei­der Ereignisse? Jesus ist eine Art zweit­er Mose, respek­tive Mose ist eine Art Vorgänger Jesu. So wie Mose mit einem Volk einen Auszug lanciert, lanciert Jesus einen Auszug mit Men­schen aller Völk­er (Off 21:24–26). So wie Moses Israel aus der Sklaverei Ägyptens befre­it, erlöst Jesus alle Men­schen die an ihn glauben, aus deren Gefan­gen­schaft ihrer Sün­den (1Petr 1:18–19). Wie Moses das Volk in ein neues Land führt, führt Jesus sein Volk in die neue Schöp­fung (Off 21:1).

Das Neue Tes­ta­ment lenkt unsere Aufmerk­samkeit bewusst auf diesen Zusam­men­hang. Ein Beispiel dafür ist eine feine Mahlzeit. Mose führt auf Gottes Anweisung hin das Volk Israel an, das Pas­samahl einzunehmen, als Weck­ruf, als Sig­nal sich bere­it zu machen für den Abmarsch aus Ägypten (2. Mose 12:11). Das Blut des für die Mahlzeit geschlachteten Lammes wird Erlö­sung schaf­fen vor dem Gericht Gottes über das Land Ägypten (2. Mose 12:12–13). Szenen­wech­sel zu Jesus. Vor sein­er Fes­t­nahme feiert er das let­zte Mahl. Es ist nichts anderes als dieses Jüdis­che Pas­samahl, während­dem Jesus den Bech­er mit Wein nimmt und das Brot bricht und auf seine eigene Rolle hinweist:

Er nahm den Kelch und dank­te, gab ihnen den und sprach: Trin­ket alle daraus; das ist mein Blut des Bun­des, das ver­gossen wird für viele zur Verge­bung der Sün­den. (Matt 26:27–28)

Jesus kön­nte es kaum deut­lich­er sagen: Ich selb­st bin das Opfer­lamm, eure Erlö­sung vor dem Gericht Gottes an dieser Welt! Meine Jünger, ver­set­zt euch in Bere­itschaft, ein Exo­dus fängt an! Ich, Jesus, führe einen neuen, zweit­en Auszug an! Jesus zeigt uns: Was Gott durch Mose für das eine Volk Israel gemacht hat, voll­bringt Gott durch mich für alle Völker!

Dieser zweite Exo­dus ist der­art umfassend, dass sog­ar nicht-men­schliche Ele­mente der Schöp­fung mitgenom­men wer­den. Römer 8 zeich­net das Bild eines uni­versellen Auszugs:

Denn alles Geschaf­fene ist der Sinnlosigkeit aus­geliefert, ver­sklavt an die Vergänglichkeit, und das nicht durch eigene Schuld, son­dern weil Gott es so ver­fügt hat. Er gab aber seinen Geschöpfen die Hoff­nung, dass auch sie eines Tages von der Ver­sklavung an die Vergänglichkeit befre­it wer­den und teil­haben an der unvergänglichen Her­rlichkeit, die Gott seinen Kindern schenkt. (Römer 8:20–21)

Hören wir hier die Wörter, die an den Auszug aus Ägypten erin­nern? ‚Ver­sklavt-sein’ und ‚befre­it-wer­den’ sind Exo­dus-Begriffe. Wir sind uns das vielle­icht nicht so gewohnt, aber für die jüdis­chen Leser ist klar gewe­sen: Paulus behauptet hier, dass sog­ar die Natur eine Art Auszug erleben wird. Kein Wun­der endet alles nicht in einem abstrak­ten Him­mel wo nur unsere See­len sich aufhal­ten, son­dern mit ein­er neuen Erde (Off 21:1) wo wir einen Kör­p­er haben wer­den, wo es ein Umfeld gibt das ver­mut­lich ähn­lich sein wird, wie das unseres Plan­eten Erde!

Ich per­sön­lich sehe keinen Grund, warum es darin keine Tiere haben sollte, Bäume, Veg­e­ta­tion, Berge, Bergkristalle, Skip­is­ten und her­rlich­ste Dünen in der Wüste (etc.). Warum eigentlich nicht die Alpen? Nun wir wollen vor­sichtig sein, der­art spez­i­fisch zu wer­den, wenn die Bibel es nicht ist. Aber für jene, die dor­thin kom­men, wird es ein Ankom­men in der Heimat sein, ein nach Hause kom­men (Heb 11:13–16).

C.S. Lewis beschreibt dies in ungeah­nt schön­er Weise im abschliessenden Kapi­tel des let­zten Nar­nia Aben­teuers. Die Kinder und Tiere sind gestor­ben und in Aslan’s neuer Welt angekom­men. Sie gehen tiefer hinein und erken­nen plöt­zlich… das alte Haus von Pro­fes­sor Kirk, wo alles ange­fan­gen hat. Sie merken, dass sie in … Eng­land sind!

»Ist es auch«, sagte der Faun. »Aber was ihr jet­zt seht, ist das Eng­land inner­halb von Eng­land, das wirk­liche Eng­land.« (Der let­zte Kampf, Kin­dle Posi­tion 2276)

C.S. Lewis bringt hier zum Aus­druck: Vieles was wir schon in dieser Welt ken­nen, wird in rein­er und echter Form in Gottes neuer Schöp­fung da sein. Wer dort ankommt und zurückschaut auf die Welt, wie sie jet­zt für uns ist, wird erken­nen: Was (z.B.) im Jahr 2021 so real und schön schien, war nur ein Vor­bote der wirk­lichen Wirk­lichkeit der neuen, vol­lkomme­nen und lebendi­gen Schöp­fung Gottes!

Ich glaube: Gott benutzt Begriffe wie ‘Neuer Him­mel, neue Erde’ nicht, um uns in die Irre zu führen. Ich glaube die neue Schöp­fung wird über­raschend ähn­lich sein, wie die jet­zige, ein­fach ohne Sünde, Bös­es, Ungerechtigkeit, Leid und Trä­nen (Off 21:4–5). Der Auszug aus dem alten Zeital­ter, welch­es gekennze­ich­net ist von der Regentschaft der Sünde und des Todes, endet in der neuen Schöp­fung. Und Jesus ist der zweite Moses, der alle mit sich führt, die ihm ver­trauen, zusam­men mit dem Rest der Schöpfung.

Das grosse Bild über das es sich lohnt zu singen

Spüren wir etwas von der atem­ber­auben­den Grösse und des immens grossen Umfangs des Heil­shan­deln Gottes? Es geht ihm um die ganze Schöp­fung! Kein Wun­der brechen die Über­winder in Off 15:3–4 angesichts dieser Tat­en Gottes, in Lobge­sang aus!

Diese Ganzheitlichkeit nimmt ihren beispiel­haften Anfang im Exo­dus aus Ägypten im Alten Tes­ta­ment, also im Lied von Mose. Gottes umfassendes Heil find­et seine eigentlich­ste Aus­führung in Christi Tod und Aufer­ste­hung im Neuen Tes­ta­ment, also im Lied des Lammes. In den näch­sten Blogs wer­den wir konkreter her­aus­find­en, was diese Ganzheitlichkeit alles bein­hal­tet und demzu­folge auch bess­er ver­ste­hen, was der Auf­trag der Gemeinde Jesu ist.

2 Comments
  1. Viktor Pfister
    Viktor Pfister 2 Wochen ago
    Reply

    Vor etwa 20 Jahren fragte mich mein Göt­tibub, ob es Him­mel auch Autos gebe. Hm … ? Das kön­nte ich mir dur­chaus vorstellen, antwortete ich, aber ver­mut­lich ohne die schädlichen Neben­wirkun­gen. Kindliche Vorstel­lung vom Him­mel, nicht wahr? Manch­mal zer­springe ich fast vor Freude auf die neue Welt und kann es kaum erwarten. Ander­er­seits will ich noch lange auf dieser Welt bleiben, um viele Men­schen mit dieser Freude anzusteck­en. Eines macht mir im Blick auf Gottes neue Welt allerd­ings etwas Sorge: Es heisst doch, wir wür­den dann nicht mehr Mann oder Frau sein. Ich möchte aber so gerne auf immer und ewig mit mein­er Frau zusam­men bleiben.

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 1 Woche ago
      Reply

      Gute Frage Vik­tor! Mir macht ähn­lich­es Mühe wie dir. Mein Ver­ständ­nis ist, dass wir zwar als Män­ner und als Frauen in der Ewigkeit sein wer­den, aber nicht mehr sex­uell aktiv. Wir wer­den also nicht kör­per­lich in einen ‘Ein­heits­brei’ ver­wan­delt. Unsere Ehe­frauen wer­den weit­er­hin als Frauen da sein. Und wir wer­den für sie als Män­ner da sein. Aber es wird keine sex­uelle Beziehung mehr sein. CS Lewis schreibt irgend­wo, dass in der Ewigkeit unsere Sex­u­al­ität für uns sein wird, wie jet­zt unsere Kinder­heits-Spielzeuge (Autos etc) für uns sind. Unsere Spielzeuge mögen noch im Haus sein irgend­wo in ein­er Erin­nerung-Kiste auf dem Dachbo­den, oder auf dem Gestell’ aus­gestellt, aber eine Rolle spie­len sie nicht mehr. Und doch erin­nern wir uns gerne daran zurück. Aber unsere wirk­lichen grossen her­rlichen inspiri­eren­den Freuden, sind jet­zt völ­lig andere Sachen. Unge­fähr so stellt sich das CS Lewis vor. We will see! Ich kann mir mit bestem Willen kaum etwas schöneres vorstellen, als mit mein­er Frau zusam­men zu sein! Da wird Gott uns noch ein paar Sachen eröff­nen müssen! Aber: Gegenüber unsere Spielzeu­gen der Kinder­heit emp­fan­den wir als Kinder ja ähnlich. 😄

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