Culture Shift / II

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«Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schön­er Tag wer­den, denn der Him­mel ist rot. Und des Mor­gens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwet­ter kom­men, denn der Him­mel ist rot und trübe. Über das Ausse­hen des Him­mels wisst ihr zu urteilen, über die Zeichen der Zeit aber kön­nt ihr nicht urteilen?» (Mt 16:3)

Vor genau 5 Jahre stosse ich online auf das Video. Pub­liziert hat­te es eine selb­sterk­lärte ‘Sex-Hexe’, die im Rah­men ein­er Feier in Nashville [USA] ins Mikro­fon singt. Da ist ein wun­der­schön klin­gen­des Lied. Da ist Brot und Wein. Es ist eine Eucharistiefeier. Die Hexe beze­ich­net diese Feier als ein ‘athe­is­tis­ches Abendmahl’. Auf der Bühne ste­ht auch der Gast­ge­ber dieses Abendmahls. Es ist nie­mand anders als Michael Gun­gor — ein Kün­stler, der kurz zuvor an meinem christlichen Musik Fes­ti­val in Frauen­feld gespielt hat­te, dem Spring­time Fes­ti­val.

Diese Ent­deck­ung, welche ich später zu meinem ersten Artikel auf Daniel Option ver­ar­beit­et habe, hat mich damals zutief­st geschockt und aufgerüt­telt. Ich kon­nte fast nicht glauben, was sich da vor meinen Augen abspielt! Es war der Moment, an dem aus einem eige­nar­ti­gen Bauchge­fühl Gewis­sheit wurde: Wenn es okay sein soll, dass ein ange­blich­er Lobpreisleit­er zusam­men mit ein­er athe­is­tis­chen Sex-Hexe ein ‘Abendmahl’ austeilt, dann bah­nen sich in meinem christlichen Umfeld grössere Verän­derun­gen an.

Kennst du die Momente im Leben, wo du auf ein­mal merkst, dass ‘etwas’ anders ist? Wech­sel­ndes Wet­ter bringt manch­mal solche Momente. Vielle­icht bist du im Som­mer im Schwimm­bad. Du liest ein Buch und schläf­st dabei ein. Du wirst von ein­er aufk­om­menden Brise geweckt und merkst: Irgen­det­was ist anders! Genau: Alle anderen um dich herum sind schon am Ein­pack­en und ver­lassen die Wiese, um irgend­wo unter einem Dach Zuflucht zu suchen. Das Gewit­ter ist nicht nur im Anzug, es ist schon prak­tisch über dir.

Auch im per­sön­lichen Leben gibt es diese Momente, an denen du merkst: etwas hat sich atmo­sphärisch verän­dert. Irgen­det­was ist anders. Diese atmo­sphärischen Verän­derun­gen, diese Ver­schiebun­gen in der Real­ität um uns herum, sind oft schwierig zu greifen. Aber es kommt der Zeit­punkt, an dem du real­isiert: es ist anders als vorher. Für mich gab es vor 5 Jahren diesen Moment. Es lag defin­i­tiv eine neue, andere Wet­ter­lage in der Luft.

Culture Shifts in der Künstlerszene

Rück­blick­end weiss ich: In der freikirchlich/evangelikalen Welt, welche mein natür­lich­es geistlich­es ‘Biotop’ ist, lagen vor 5 Jahren die Vor­boten von neuen grossen Trends in der Luft. Heute sind diese Trends deut­lich sicht­bar­er und deshalb auch greif­bar­er. Sie haben Namen bekom­men respek­tive sich selb­st Namen gegeben: «pro­gres­sives Chris­ten­tum», «Poste­van­ge­likalis­mus», «Glaubens­dekon­struk­tion», «Ex-Evan­ge­likal» und der­gle­ichen heis­sen die Stich­worte. Treiber dieser neuen geistlichen Gross­wet­ter­lage sind beson­ders Fra­gen der Sexualethik.

So ist ein stür­mis­ches Wet­ter auf die freikirchlich/evangelikale Welt im West­en und deutschsprachi­gen Raum angekom­men. Die ersten Böen des Unwet­ters haben den einen oder anderen Tisch umge­blasen, einige Ziegel vom Dach gefegt und eini­gen Chris­ten und Leit­ern die Ori­en­tierung ger­aubt. Gle­ichzeit­ig scheint mir, dass auch wenn der Sturm weit­er­hin tobt, die erste Wucht des Sturmes über­standen ist. Dies ist ein guter Zeit­punkt um zurück­zublick­en und nach vorne zu schauen.

Während mein Brud­er die tief­greifend­en Verän­derun­gen ver­gan­gene Woche in Bezug auf die Sex­u­alethik reflek­tiert hat, bin ich selb­st immer sehr sen­si­bel gewe­sen im Hin­blick auf Entwick­lun­gen in der inter­na­tionalen christlichen Musik­szene, mit der ich durch meine Konz­er­tar­beit viel zu tun habe. Kün­stler wit­tern tiefer­greifende kul­turelle Entwick­lun­gen oft früher als andere und gehen sie selb­st manch­mal auch mit. Ich habe in den ver­gan­genen Jahren die Abwen­dung eines Teils der freikirchlichen/evangelikalen Welt von his­torischen Glaubenssätzen des Chris­ten­tums deut­lich an biografis­chen Entwick­lun­gen im christlichen Musikzirkus mitverfolgt.

Jon Stein­gard von Hawk Nel­son (2010 am Spring­time Fes­ti­val) vol­l­zog eine sehr öffentliche Abwen­dung vom Chris­ten­tum. Die begabte Wor­ship-Sän­gerin Audrey Assad machte sich auf die Dekon­struk­tions-Reise: Schei­dung, Dro­gen­ex­per­i­mente, Wic­ca-Zer­e­monien, jungsche Tiefenpsy­cholo­gie… die Reise ist wohl noch nicht zu Ende. Tiffany Arbuck­le (Plumb) schaffte diesen Som­mer nach end­losen Andeu­tun­gen endlich ihre erste Teil­nahme an ein­er Pride-Parade. Sie hat damit die pro­gres­sive ‘Glauben­staufe’ vol­l­zo­gen. Ich kön­nte weit­ere Namen nen­nen. Äussert beliebt ist die Iden­ti­fika­tion als “Spir­i­tu­al not Reli­gious” gewor­den. Da musst du dich mit kein­er Glaubenslehre, Glaubens­ge­mein­schaft und auch keinem Moral­code mehr iden­ti­fizieren — und kannst dir den­noch den Schein geistlich­er Erleuch­tung wahren. Aaron Gille­spie von The Almost (2012 bei uns in Frauen­feld) gehört lei­der in diese Kat­e­gorie. Die Biografien dieser Kün­stler bleiben oft stark in Bewe­gung und ver­laufen auch sehr unterschiedlich.

«Kün­stler scheinen es schwieriger zu haben, ortho­dox zu bleiben», meinte mal der zum Pas­tor umgeschulte Elek­tro-Pio­nier Ron­nie Mar­tin mir gegenüber. Da ist wohl etwas dran. Es gibt aber auch diejeni­gen Kün­stler, die genau­so fein­füh­lig sind auf die Trends, aber ihre Wurzeln tiefer in die christliche Ortho­doxe treiben. John Coop­er von Skil­let (2013 am Spring­time Fes­ti­val) ist dafür ein Beispiel. Als Kün­stler, welch­er sowohl im christlichen als auch im säku­laren Musik­markt äusserst erfol­gre­ich ist, hat er in den ver­gan­genen Jahren seine Kar­riere riskiert, als er ange­fan­gen hat, schwierige Entwick­lun­gen in der christlichen Welt anzus­prechen. Auch Marc Hall von den Cast­ing Crowns (2017 am Spring­time Fes­ti­val) hat die aktuellen Entwick­lun­gen aus dem Blick­winkel der christlichen Ortho­dox­ie kom­men­tiert. Es lohnt sich, den Song 2nd Opin­ions anzuhören, der mit fol­gen­den Zeilen beginnt:

“Well, church gath­er ‘round ‘cause we got us a prob­lemThere’s a lot of inspi­ra­tion float­ing around these daysWords that paint a pret­ty pic­ture but you won’t find them in the scrip­tureThat’s because they’re all from the book of sec­ond opinions.”

Flugzeuge starten gegen den Wind

Die Entwick­lun­gen der ver­gan­genen Jahre haben auch meinen ganz per­sön­lichen Fre­un­deskreis berührt. Der Sturm hat zu zwis­chen­men­schlichen Brüchen und Ent­frem­dung geführt. Gräben haben sich aufge­tan zu Men­schen, welche mir immer noch lieb sind. Wege haben sich getren­nt. Das ist nicht ein­fach. Offene Kom­mu­nika­tion­skanäle sind auch da wichtig, wo die gemein­same Grund­lage ver­loren gegan­gen ist. Manch­mal lässt man einan­der aber auch bess­er eine Weile lang in Ruhe. Aber eigentlich würde ich mir wün­schen, wir wären alle noch zusam­men in meinem Garten, bei Bier, Steak und Son­nen­schein, wie es ein­mal war.

Trotz dieser Schat­ten­seit­en hat sich in mir die Gewis­sheit ver­stärkt: Gott stellt mich ger­ade für diese Zeit da hin, wo ich bin. Er traut mir zu, dass ich auch im Sturm beste­hen kann und noch mehr – einen Beitrag für den Auf­bau seines Reich­es leis­ten kann. Was auf Felsen gebaut ist, wird der Sturm nicht wegfe­gen. Auch im Sturm gibt es Freude und Frieden zu find­en. Auch bei schwierigem Wet­ter lässt es sich arbeit­en und leben. Und wie mir ein neuer Fre­und am Woch­enende erk­lärt hat: Flugzeuge starten gegen den Wind.

In der Rückschau wird mir aber auch klar, wie ahnungs­los ich über viele Jahre hin­weg doch gewe­sen war. Die Diag­nose, welche Jesus an die Phar­isäer gestellt hat, trifft auch auf mich zu. Sie woll­ten «ein Zeichen vom Him­mel» (Mt 16:1), um ohne allzu gross­es Nach­denken über die Run­den zu kom­men. So war ich auch, bevor mir klar wurde, dass sich diese epochalen Shifts abze­ich­nen. Es reichte mir ein «ein Zeichen vom Him­mel»: Ein guter Schuss pos­i­tive Emo­tio­nen vom Gottes­di­enst am Son­ntag, welch­er mich bis zum näch­sten ‘Fix’ durchträgt — die Strate­gie von tausenden von Kirchge­mein­den und Mil­lio­nen von Chris­ten wie mir.

Ich halte diese Momente weit­er­hin für wichtig, an denen Gottes unmit­tel­bares Reden in unser Leben hinein oder eine exis­ten­zielle Erfahrun­gen mit ihm uns einen ganz beson­deren Kick geben. Aber manch­mal wäre noch etwas anderes dran als von einem geistlichen ‘Kick’ zum näch­sten zu leben. Manch­mal wäre es dran, dass wir die ein­fachen und grundle­gen­den ‘Zeichen an der Wand’ mit Gottes Hil­fe lesen ler­nen. Ich glaube, dass wir ein­er Zeit leben, in der wir das neu ler­nen müssen.

Die Grosswetterlage verstehen.

In den ver­gan­genen 3 Jahren hat sich mein Forschungs­feld zunehmend geweit­et. Ich will nicht nur ver­ste­hen, was im christlichen ‘Garten’ vor sich geht, son­dern welche ‘Umwelt­fak­toren’ zum Sturm geführt haben kön­nten, der über diesen Garten hineinge­brochen ist. Ich habe ange­fan­gen, den Ide­olo­gien und Ideen nachzus­püren, welche unsere säku­lare Welt von heute prä­gen. Ich will ver­ste­hen, woher die viel­gerühmte ‘Fach­welt’ ihre Ideen hat. Mein Büch­er­schrank hat ange­fan­gen, sich mit alten ver­staubten Büch­ern zu füllen, die mir Ein­blick in die Ideen der­jeni­gen Men­schen geben, die unsere Kul­tur mass­ge­blich bee­in­flussen und die Verän­derun­gen unser­er Zeit vorantreiben. Manch­mal beze­ichne ich diesen Büch­er­schrank als ‘Giftschrank’, denn an tox­is­chen Ideen man­gelt es nicht im ide­ol­o­gis­chen Muse­um der ver­gan­genen 200 Jahre. Und wie man so schön sagt: Ideen haben Konsequenzen.

Der Pub­lizist Aaron M. Renn spricht in Zusam­men­hang mit der aktuellen geistlichen ‘Gross­wet­ter­lage’ von 3 ‘Stim­mungsphasen’ gegenüber dem Chris­ten­tum. Er spricht von den USA – aber ich denke seine Befunde kön­nen in groben Zügen auch auf unsere europäis­che Sit­u­a­tion über­tra­gen wer­den. Gemäss Renn gab es bis 1994 gesellschaftlich gese­hen in den USA eine grundle­gend pos­i­tive Ein­stel­lung gegenüber dem Chris­ten­tum. Christliche Moralvorstel­lun­gen waren auch die grundle­gen­den Moralvorstel­lun­gen der Gesellschaft. Zwis­chen 1994 und 2014 spricht Renn dann von ein­er Welt, die dem Chris­ten­tum gegenüber neu­tral eingestellt war. Das Chris­ten­tum hat in dieser Zeit keinen priv­i­legierten Sta­tus mehr, wird aber auch nicht miss­bil­ligt. Seit 2014 aber leben wir gemäss Renn in ein­er gegenüber dem Chris­ten­tum ‘neg­a­tiv­en Welt’: Als Christ bekan­nt zu sein, kann nun ein sozialer Nachteil sein, ins­beson­dere in den elitären Bere­ichen der Gesellschaft. Die christliche Moral wird aus­drück­lich abgelehnt und als Bedro­hung für das Gemein­wohl und die neue, öffentliche Moralord­nung angesehen.

Die Feind­seligkeit gegenüber dem Chris­ten­tum kommt nicht aus dem Nichts. Sie hat tiefe Wurzeln, die mir in den ver­staubten Büch­ern meines ‘Giftschrankes’ auf Schritt und Tritt begegnen.

Den­noch bleibt unsere west­liche Kul­tur vom Chris­ten­tum geprägt. Einige der Werte, die unser­er Kul­tur sehr wichtig sind, ver­dankt sie nichts anderem als dem Chris­ten­tum. Dinge, wie zum Beispiel das Bewusst­sein für die innewohnende Würde aller Men­schen und daraus abgeleit­et die uni­versellen Men­schen­rechte oder die Ein­vernehm­lichkeit für die Sex­u­al­ität. Diese im Chris­ten­tum begrün­de­ten Werte scheinen heute aber eher wie ‘heimat­lose’ Moleküle in unser­er Atmo­sphäre herumzuschwirren. Die zusam­men­hän­gende christliche Gesamtschau für unsere Welt ist abhan­den gekom­men. Trotz­dem sind diese christlichen Werte weit­er­hin ein wesentlich­er Bestandteil der Luft, die wir atmen. Aus ihrer Beheimatung in der christlichen Welt­sicht ent­fremdet, wer­den diese an sich christlichen Werte nun auch benutzt, um Prak­tiken zu recht­fer­ti­gen, welche gegen das Christliche gehen. Mein Brud­er hat dies in seinem aktuellen Artikel gut erläutert.

Doch es gibt auch gegen­läu­fige Bewe­gun­gen zur schein­bar unab­wend­baren Säku­lar­isierung. Denn der Cul­ture Shift vom Christlichen weg hin zum Säkularen/Heidnischen hat reales destruk­tives Poten­tial. Das merken aufmerk­same Men­schen, welche sich selb­st wohl nicht als prak­tizierende Chris­ten beze­ich­nen. In diese Kat­e­gorie gehört beispiel­sweise die Jour­nal­istin Louise Per­ry, welche mit ihrem Buch «The Case Against the Sex­u­al Rev­o­lu­tion» eine ver­nich­t­ende Bilanz über die mod­erne sex­uelle Rev­o­lu­tion gezo­gen hat und — wie soll man es sagen – anfängt in der Luft herum­schwirrende christliche ‘Moleküle’ einz­u­fan­gen und diese wieder miteinan­der in Bezug zu setzen.

In einem inter­es­san­ten Gast­beitrag in ein­er christlichen Online-Zeitschrift legte Per­ry kür­zlich ihre eigene Per­spek­tive zur geistlichen ‘Gross­wet­ter­lage’ dar. Ihre These: Das Hei­den­tum war nie weg – es wurde lediglich zurückge­drängt. In unseren Tagen macht sich das Hei­den­tum gemäss Per­ry daran, ver­lorenes Land wieder zurück­zugewin­nen. Sie ver­gle­icht das Chris­ten­tum mit einem wun­der­schö­nen Garten mit­ten im bedrohlichen, wilden, aber eben auch faszinieren­den Wald des Hei­den­tums. Das Alle­in­stel­lungsmerk­mal dieser kul­tivierten Lich­tung ist gemäss Per­ry: der unver­stellte Blick in den Him­mel. Nun aber wür­den sich die Wurzeln des Waldes wieder aus­bre­it­en und die Triebe aus dem Boden spriessen. Da es nie­man­den mehr gibt, der den Garten pflegt, erobert sich der Wald den Boden zurück und zer­stört dabei den Garten. Darum weicht auch der Him­mel und ver­schwindet langsam wieder aus den Augen der Menschen.

Egal mit welchen Bildern wir operieren und ob wir eher zu den Pes­simis­ten oder Opti­mis­ten gehören. Der grundle­gende ‘Cul­ture Shift’ in unser­er Gesellschaft ist eine Real­ität. Und die neuen Real­itäten unser­er Zeit fordern auch eine Rekalib­rierung des christlichen ‘Modus Operandi’.

Zwei gegenläufige Trends

Wichtig für unsere aktuelle Sit­u­a­tion scheint mir, zwei gegen­läu­fige Trends wahrzunehmen.

Der eine grosse Trend — der Trend der mich vor 5 Jahren so beun­ruhigt hat — ist die ras­ante Säku­lar­isierung der Kirche. Diese hat spätestens mit dem Einzug der sozialen Medi­en auch in die bis anhin behütete freikirch­liche Bub­ble durchgeschlagen.

Wir müssen dabei ver­ste­hen, dass die Säku­lar­isierung nicht ein­fach etwas ist, was durch Ein­wirkung von Aussen an der Kirche geschieht. Vielmehr ist die aktive Selb­st­säku­lar­isierung seit Jahrzehn­ten eine bewusste Strate­gie in gewis­sen elitären kirch­lichen Kreisen. Die Kirche soll sich möglichst nahe an das anschmiegen, was die säku­lare Elite grad als ‘sexy’ definiert. Ide­al­er­weise ist die Kirche bei diesem Ansatz der Gesellschaft im Säku­lar­isierung­sprozess stets einen Schritt voraus — so geschehen in den Entwick­lun­gen rund um die Ehe für alle in der Schweiz.

Wenn sich an unseren Unis in unseren Tagen die Stu­di­engänge in «Queer Stud­ies» mul­ti­plizieren, wird es ganz bes­timmt nicht lange dauern, bis da ein­er ruft: «Gott ist Queer!». Und alle ‘From­men’, die auf keinen Fall ‘kon­ser­v­a­tiv’ oder ‘alt­back­en’ son­dern unbe­d­ingt ‘Hip’ sein wollen, stim­men in diesen Chor mit ein. Sie haben möglicher­weise keine Ahnung was für ein Lied sie da eigentlich sin­gen – aber sie wollen ganz vorne dabei sein!

Wenn das säku­lare Nar­ra­tiv die Kirche als etwas beze­ich­net, das aus der Zeit gefall­en oder sog­ar tox­isch ist, dann wird der selb­st­säku­lar­isierende Flügel der Kirche auch sofort mit ein­stim­men ins Basching.

Beispiel­haft für diese Mech­a­nis­men kön­nen Ereignisse rund um die Anklage der ehe­ma­li­gen finnis­chen Min­is­terin Päivi Räsä­nen aufge­führt wer­den. Sie wurde 2019 von der finnis­chen Staat­san­waltschaft im Rah­men des Geset­zes gegen «Kriegsver­brechen und Ver­brechen gegen die Men­schlichkeit» angeklagt. Sie hat­te sich in einem Tweet kri­tisch gegenüber der Leitung ihres eige­nen Kirchen­ver­ban­des über dessen Spon­sor­ing ein­er Pride-Parade geäussert. Dabei hat­te sie ein Foto ein­er all­seits bekan­nten Bibel­stelle zum The­ma aus dem Anfang des Römer­briefes gepostet. Räsä­nen wurde in erster Instanz und nun auch in zweit­er Instanz in allen Anklagepunk­ten freige­sprochen.

Dass es zu ein­er solchen Anklage kam, ist in ein­er gegenüber dem Chris­ten­tum ‘neg­a­tiv­en Welt’ nicht ver­wun­der­lich. Inter­es­sant ist nun aber, wie Vertreter ein­er sich selb­st säku­lar­isien­den Kirche auf die Anklage reagierten. Bei uns in der Schweiz sah sich Dr. Stephan Jütte, mit­tler­weile der Ethik-Ver­ant­wortliche der Evan­ge­lis­chen Kirche Schweiz, umge­hend dazu ver­an­lasst sich zu den Mitan­klägern von Räsä­nen zu gesellen. In einem polemis­chen und zudem schlecht recher­chierten Artikel rück­te er Räsä­nen gezielt in die Ecke von Eugenikern und  “Hitlerverehrer*innen”. Dabei baute seine Argu­men­ta­tion auf fehler­haften Zitat­en, die er teil­weise wohl direkt von der Inter­net­seite ein­er Queeren Lob­by­gruppe kopierte, ohne diese weit­er zu prüfen. Wichtig ist die fol­gende Beobach­tung: Der ein­flussre­iche Chefethik­er der Evan­ge­lis­chen Kirche Schweiz hat sich ganz zum Hand­langer des säku­laren Nar­ra­tivs gemacht und seine Argu­men­ta­tion darauf aufge­baut — inklu­sive der Über­nahme unwahrer Zitierung aus ein­er vor­ein­genommen­er Quelle. [1]

Sich­er müssen Kirchen ler­nen, berechtigte Kri­tik ernst zu nehmen. Sie kön­nen dies aber machen, ohne dem säku­laren Nar­ra­tiv zu ver­fall­en. Eine Kirche die sich selb­st säku­lar­isiert ist eine Kirche die sich selb­st auflöst. Was die Kirche aber auf jeden Fall sollte, ist wieder ler­nen, wie sie fröh­lich eine lebendi­ge gegenkul­turelle Gemein­schaft in dieser Welt sein kann. Dies ist enorm wichtig, weil es auch noch einen zweit­en deut­lichen Trend gibt.

Es liegt vielle­icht ger­ade im Wahnsinn unser­er Zeit begrün­det, dass wir auf ein neues Inter­esse für die weltan­schauliche Gesamt­per­spek­tive des Chris­ten­tums hof­fen dür­fen. Denn in ein­er Zeit, in der viele ‘Fromme’ das Gefühl haben, die Ret­tung von Kirche und Glauben beste­he darin, christliche Vorstel­lun­gen in Fra­gen der [Sexual-]Ethik an den Nagel zu hän­gen, ent­deck­en andere Men­schen genau diese Werte für sich als Schatz und fan­gen an, sich auf die Suche nach ihren Ursprün­gen zu machen.

Das sind Men­schen wie die erwäh­nte Louise Perry.

Es sind Men­schen, welche die ver­schiede­nen roman­tis­chen Spielarten unser­er Zeit durchex­erziert haben und merken, was für eine Ver­wüs­tung das Ausleben des säku­laren Traumes zurück­lassen kann.

Es sind Men­schen, welche die Schat­ten­seit­en und Unzulänglichkeit­en aktueller Ide­olo­gien bemerken.

Es sind Men­schen, welche auf der Suche nach Bleiben­dem über Werte und Wahrheit­en stolpern, welche das Chris­ten­tum in unsere Welt einge­bracht hat.

Es sind Men­schen, die merken, dass Män­ner und Frauen ver­schieden sind und dass das gut ist so.

Es sind Men­schen, die merken, dass gewisse Sehn­süchte schlecht sind, dass Sex ohne Liebe nicht befreiend ist, dass es mehr braucht als nur Ein­ver­ständ­nis, wenn es um die Sex­u­al­ität geht, dass Ehe etwas Gutes ist.

Das sind die Men­schen, welche sich auch in unseren Tagen auf­machen, um etwas von der wun­der­schö­nen ‘Bet­ter Sto­ry’ Gottes für uns Men­schen zu ent­deck­en. Sie ent­deck­en, wie heil­sam christliche Ethik eigentlich ist. Und hof­fentlich wer­den sie am Ende ihres Weges nicht nur schätzen, was CHRISTLICH ist, son­dern wer CHRISTUS für sie sein möchte.

Es ist um Men­schen wie Per­ry und ander­er willen, dass wir als die Kirche Jesu nicht das Megaphon für jede neue Melodie der säkular/heidnischen Welt sein soll­ten. Vielmehr liegt es an uns, die her­rlich schöne und gute weltan­schauliche Gesamt­per­spek­tive des Chris­ten­tums in dieser Welt durch Wort und Tat sicht­bar zu machen. Ich bin mehr denn je überzeugt: Wir dienen der Welt am besten, indem wir Gott gegenüber treu bleiben, seine Melodie ent­deck­en und mit Freude sin­gen – ger­ade auch in stür­mis­chen Zeit­en. Nach Jahren der Schön­wet­ter­fliegerei dür­fen wir in diesen Tagen ler­nen, im Sturmwind zu fliegen. Gott traut uns das zu. Es ist ein her­aus­fordern­des Vor­recht, eine Ehre.

Culture Shift

In diesem Sinne möcht­en wir auch an die Cul­ture Shift Kon­ferenz vom Fre­itag 07. bis Sam­stag 08. Juni in Thun ein­laden. Bei dieser Kon­ferenz möcht­en wir die Denkweisen unter­suchen, die unsere Gesellschaft prä­gen und wie sich diese auf Iden­tität, Beziehun­gen und Sex­u­al­ität auswirken. Anhand der Bibel wollen wir Gottes Melodie für uns Men­schen wieder neu ent­deck­en und uns fra­gen, wie wir diese auch in stür­mis­chen Zeit­en mit Freude sin­gen kön­nen, so dass Men­schen sie hören und mit einstimmen.

Damit die Kon­ferenz speziell wird, haben wir neben viel ‘CH-Pow­er’ mit Nancey Pearcey eine der weltweit in The­men Gen­der, Sex­u­al­ität und Weltan­schau­ung wohl pro­fil­iertesten Per­sön­lichkeit­en mit an Bord. Für Pearcey wird die Kon­ferenz so etwas wie ein Heimkom­men sein, denn sie hat vor vie­len Jahren bei einem Aufen­thalt in der Schweiz zum Glauben gefunden.

Wir hof­fen und beten, dass wir in diesen 2 Tagen einen offe­nen Him­mel erleben und seine Melodie für unsere Zeit auch in Fra­gen von Gen­der und Sex­u­al­ität neu entdecken.

 

 


Bilder: iStock

Fuss­note:

[1] Der Artikel von Stephan Jütte baut auf einem Zitat auf von Dr. Räsä­nen und benutzt dieses Zitat dann, um sie in die Ecke von Eugenikern und «Hitlerverehrer*innen» zu stellen. Räsä­nen habe in einem Inter­view Homo­sex­u­al­ität als mögliche «genetis­che Degen­er­a­tion» beze­ich­net. Hat Dr. Räsä­nen eine solche Aus­sage gemacht? Sie selb­st sagt nein und hat dabei das Gericht auf ihrer Seite. Ich habe bei Räsä­nen per­sön­lich nachge­fragt, In ihrer Antwort auf meine Anfrage liefert sie gle­ich den entsprechen­den Auszug aus der Urteils­be­grün­dung mit:

“Last year, the Helsin­ki Dis­trict Court gave its rul­ing on my case and stat­ed in its rul­ing that I have not said what the Pros­e­cu­tor Gen­er­al has claimed in the appli­ca­tion for sum­mons: “No such alle­ga­tion appears in the radio pro­gramme. Räsä­nen has not claimed in the pro­gramme that homo­sex­u­al­i­ty is a genet­ic degen­er­a­tion and a genet­ic inher­i­tance which caus­es dis­ease and impair­ment.”  The Helsin­ki Court of Appeal stat­ed the exact same this autumn, as the Court ruled that all the charges against me have been dis­missed, and that no such state­ments have been made by me.”

Auf­grund mein­er Inter­ven­tion beim Autor wurde der Artikel vor eini­gen Tagen ger­ingfügig abgeän­dert. Anführungs- und Schlussze­ichen wur­den ent­fer­nt, etwas Kos­metik gemacht. Die neue Sach­lage hätte aber eine trans­par­ente Kom­mu­nika­tion der Verän­derung benötigt und vor allem auch eine Anpas­sung der polemis­chen Botschaft des Artikels, der nun die argu­men­ta­tive Basis fehlt. Wer den ursprünglichen Wort­laut des Artikels lesen will kann dies über die Inter­net Archiv­funk­tion machen.

2 Comments
  1. Tom Lehmann-Gurrado 2 Monaten ago
    Reply

    Lieber Peter
    danke dir und Paul für diese Web­site (Danieloption.ch), für euer Rin­gen um die Wahrheit, um Dif­feren­zierung, um Beziehung (nicht Verurteilen) zu Anders-Denk­enden. All das ermutigt, inspiri­ert und begeis­tert mich.
    Vie­len Dank für Eure Arbeit.
    Im Zusam­men­hang mit “…ent­deck­en andere Men­schen genau diese Werte für sich als Schatz und fan­gen an, sich auf die Suche nach ihren Ursprün­gen zu machen.…” möchte ich noch auf die inter­es­sante Arbeit von ARC (www.arcforum.com) hin­weisen (nicht alles sind Chris­ten), die den erwäh­n­ten Gegen­trend exakt bestätigen.
    Euch in eurem Dienst weit­er­hin viel Freude, Ideen und Kreativ­ität. Lieber Gruss, Tom

    • Peter Bruderer 2 Monaten ago
      Reply

      Vie­len Dank Tom. Ja ich bin über ARC auf dem Laufend­en (Wäre sog­ar ein­ge­laden gewe­sen an die Kon­ferenz). Es ist auf jeden Fall ermuti­gend, wenn in der Bibel begrün­de­tete Werte wieder ent­deckt wer­den und Men­schen sich auf die Suche machen. Per­sön­lich bleibe ich aber auch vor­sichtig. Das Chris­ten­tum ist nicht per Se ein­fach kon­ser­v­a­tiv. Ich denke du weisst was ich damit meine… Eine gute Analyse der ARC Kon­ferenz und der Ansprache von Peter­son macht Glen Scriven­er: https://www.youtube.com/watch?v=omNdy1hDq70
      Ganz Her­zliche Grüsse und es guets Neus!

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