Another Gospel? — eine Buchkritik

Paul Bruderer
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Ali­sa Chil­ders ist hier­zu­lan­de bekannt durch ihren Arti­kel ‹Was pro­gres­si­ve Chri­sten mit Athe­isten ver­bin­det›. Nun lie­fert sie die bio­gra­phi­sche Kulis­se dazu mit ihrem Buch Ano­t­her Gos­pel?. Das ein­fach ver­ständ­li­che Buch beschreibt die Dekon­struk­ti­on von Alisa’s Glau­be durch den Besuch eines wöchent­li­chen Semi­nars des Pastors ihrer Gemein­de. Die­ser outet sich vor der Grup­pe als ‹hoff­nungs­vol­ler Agno­sti­ker›. Die Schlüs­sel­fra­ge des Buches: Wie geschieht die Rekon­struk­ti­on eines desta­bi­li­sier­ten Glau­bens?

Vor­weg: Das Buch ist Anfang Okto­ber 2020 erschie­nen und exi­stiert aktu­ell nur in Eng­lisch. Es gibt einen Grund, wes­halb mir eine Rezen­si­on des Buches wich­tig ist. Alisa’s per­sön­li­ches Erle­ben reprä­sen­tiert die Erfah­rung, die vie­le Chri­sten der west­li­chen Welt zur Zeit machen: Neue theo­lo­gi­sche Aus­sa­gen lösen bis­he­ri­ge Über­zeu­gun­gen auf und desta­bi­li­sie­ren den Glau­ben. Das ist an sich nichts Neu­es, ich ken­ne es aus eige­nem Erle­ben. Doch es scheint als wür­den aktu­ell beson­ders vie­le Chri­sten eine Art Dekon­struk­ti­on ihres Glau­bens durch­lau­fen. Ich glau­be, dass dies dazu gehört wenn unser Glau­be mün­dig wer­den soll. In die­se Mün­dig­keit kom­men wir nicht ein­fach indem wir uns in eine «christ­li­che Bub­ble» zurück­zie­hen und uns vor den Fra­gen «da draus­sen» ver­stecken. Der Hebrä­er­brief sagt:

Lasst euch daher nicht von selt­sa­men, neu­en Leh­ren ver­wir­ren. Durch die Gna­de Got­tes wer­det ihr inner­lich stark. (Heb 13:9)

Der Vers aus dem Hebrä­er­brief deu­tet dar­auf, dass der Glau­be fest wird durch Gna­de ange­sichts alter­na­ti­ver reli­giö­ser Optio­nen. Manch­mal ent­fal­ten die­se alter­na­ti­ven «neu­en Leh­ren» ihre ver­wir­ren­de und desta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung gera­de WEIL wir uns nicht ein­ge­hend genug mit ihnen aus­ein­an­der gesetzt und des­halb ihre Feh­ler nicht durch­schaut haben. Genau an die­sem Punkt passt das neue Buch von Ali­sa Chil­ders. Mit ihr haben wir eine Frau, deren Glau­be arg ins Wan­ken geriet, die sich aber die Zeit nahm, die Fra­gen ein­ge­hen­der zu stu­die­ren. Durch Got­tes Gna­de ist ihr Glau­be heu­te wesent­lich stär­ker als zuvor:

Heu­te steht mein Glau­be stär­ker gegen die Wogen der Zwei­fel, wel­che die Exi­stenz Got­tes in Fra­ge stell­ten, die Ver­läss­lich­keit der Bibel und die Wahr­heit des Chri­sten­tums. Mein Glau­be sieht heu­te etwas anders aus als frü­her. Aber wenn ich auf mein Leben zurück­schaue, sehe ich Got­tes vor­her­se­hen­de Hand mei­ne Schrit­te lei­ten. (Sei­te 234)

Wenn der Pastor den Glauben untergräbt

Die Dekon­struk­ti­on von Alisa’s Glau­be beginnt im Rah­men einer Serie von Semi­na­ren, zu der sie von ihrem Pastor ein­ge­la­den wird. Der Pastor ist selbst nicht mehr so sicher, was er noch glau­ben soll und was nicht. Er bezeich­net sich als «hoff­nungs­vol­ler Agno­sti­ker» (Sei­te 6) und möch­te den Men­schen sei­ner Gemein­de einen Raum geben, ihre Fra­gen offen zu dis­ku­tie­ren. Dabei soll eine «glei­che Augen­hö­he» sein zwi­schen ihm und den Teil­neh­mern. Doch Ali­sa erlebt, dass dies nicht wirk­lich der Fall ist. Der Pastor för­dert sub­til eine Atmo­sphä­re, die in eine gan­ze bestimm­te Rich­tung geht:

Ich habe gemerkt, dass wenn er eine Fra­ge gestellt hat, es eigent­lich nur zwei akzep­ta­ble Ant­wor­ten gab. Wenn du gesagt hast «ich weiss es nicht» oder jene Sicht ver­tre­ten hast, wel­che die akzep­tier­te christ­li­che Leh­re her­aus­for­dert, dann wur­dest du als intel­li­gent und geist­lich beweg­lich gese­hen. Wenn du hin­ge­gen die histo­ri­sche Sicht ver­tre­ten oder ver­tei­digt hast, wur­dest du als jemand hin­ge­stellt, der in Angst lebt oder der nicht bereit ist, sich intel­lek­tu­ell den schwie­ri­gen Fra­gen des Glau­bens zu stel­len. (Sei­te 87)

Ali­sa beschreibt in Ano­t­her Gos­pel? wie­der­holt sol­che Situa­tio­nen in der Klas­se, wel­che dazu füh­ren, dass sie vie­le Din­ge, die sie frü­her geglaubt hat, nicht mehr mit Gewiss­heit glau­ben kann. Die Fra­gen kon­zen­trie­ren sich auf drei The­men­be­rei­che:

  • Die Bibel
  • Das Kreuz
  • Das Evan­ge­li­um

Ali­sa merkt mit der Zeit, dass der Pastor und die Grup­pe, an der sie teil­nimmt, von einer grös­se­ren Ent­wick­lung in der Chri­sten­heit geprägt ist. Sie nennt die­se Ent­wick­lung das «pro­gres­si­ve Chri­sten­tum». Auch wenn die­ses «neue Chri­sten­tum» kei­ne eige­ne Orga­ni­sa­ti­on und kein gemein­sa­mes Glau­bens­be­kennt­nis hat, kri­stal­li­sie­ren sich gemäss Chil­ders doch eini­ge gemein­sa­me Über­zeu­gun­gen her­aus, wel­che einer grund­le­gen­den Revi­si­on des histo­ri­schen Chri­sten­tums gleich­kom­men. Im Fol­gen­den skiz­zie­re ich die wich­tig­sten Aus­sa­gen von Chil­ders über das pro­gres­si­ve Chri­sten­tum.

Progressives Christentum definiert entscheidende Dinge neu

Wie Chri­sten aller Zei­ten, emp­fin­den pro­gres­si­ve Chri­sten die Bibel als ein über­zeu­gen­des Buch, aber mit wich­ti­gen Unter­schie­den:

Anstatt die Bibel als das auto­ri­ta­ti­ve (nicht mit auto­ri­tär ver­wech­seln, mei­ne Anmer­kung) Wort von Gott zu den Men­schen zu sehen, ver­ste­hen sie die Bibel als eine anti­ke Samm­lung von Büchern, die wir so behan­deln sol­len, wie wir anti­ke Fund­stücke behan­deln. Sie sehen die Bibel als den besten Ver­such unse­rer geist­li­chen Vor­fah­ren, ihren Glau­ben an Gott in ihrer eige­nen Kul­tur zu ver­ste­hen. Dazu nut­zen sie das Wis­sen ihrer Zeit. Weil die Mensch­heit heu­te aber mehr und Bes­se­res über Gott weiss, sind wir heu­te in der Lage, die Bibel so zu lesen, wie sie wirk­lich gele­sen wer­den soll­te: nicht als auto­ri­ta­ti­ves Wort Got­tes, son­dern als ‹geist­li­che Rei­se-Tage­bü­cher› unse­rer Vor­fah­ren. (Sei­te 155)

Die­se Sicht führt dazu, dass es in der Bibel Feh­ler gibt und auch geben darf. Wir dür­fen des­halb das tun, was die pro­gres­si­ve Iko­ne Nadia Bolz-Weber beschreibt: Gewis­se Tei­le aus unse­rer Bibel reis­sen und ver­nich­ten. Anschlies­send dür­fen wir die Evan­ge­li­en aus der Bibel reis­sen und an unser Herz hal­ten. Der lie­ben­de, posi­ti­ve Jesus, der in die­sen Evan­ge­li­en beschrie­ben ist, soll uns hel­fen aus­zu­sor­tie­ren, wel­che Tei­le des Restes der Bibel drin blei­ben dür­fen und wel­che nicht (Sei­te 162). Die Bibel ist also nicht das Wort Got­tes, son­dern beinhal­tet das Wort Got­tes. Unse­re Auf­ga­be ist es her­aus­zu­fin­den, wel­che Tei­le der Bibel dazu­ge­hö­ren und wel­che nicht.

Die­se Sicht der Bibel war ver­ständ­li­cher­wei­se desta­bi­li­sie­rend für den Glau­ben von Ali­sa, die sich bis dahin nicht mit sol­chen Fra­gen beschäf­tigt hat­te. Ali­sa betont mehr­mals, dass sie eigent­lich schon wuss­te, dass die Bibel Got­tes Wort ist, aber nicht war­um sie das glaubt:

Jetzt hat­te jemand die Stüt­zen abge­schnit­ten, auf der mei­ne Bibel stand. Und ich blieb leer zurück. Die Wahr­heit ist: Ich wuss­te nicht, war­um ich glaub­te, dass mei­ne Bibel die glei­chen Wor­te beinhal­tet, wie sie vor tau­sen­den von Jah­ren geschrie­ben wur­den. Ich wuss­te nicht, dass die Bibel zusam­men­ge­stellt wur­de, abge­schrie­ben und über­setzt wur­de. Ich wuss­te nicht, war­um ich glaub­te, dass die Berich­te über Jesus von Augen­zeu­gen auf­ge­schrie­ben wur­den. (Sei­te 120, mei­ne Her­vor­he­bung)

Nicht nur die Bedeu­tung der Bibel wird von Pro­gres­si­ven umde­fi­niert, son­dern auch die Ereig­nis­se am Kreuz. Das Kreu­zes­ge­sche­hen wird gemäss Chil­ders in pro­gres­si­ven Krei­sen unge­fähr so ver­stan­den:

Das pro­gres­si­ve Ver­ständ­nis des Kreu­zes ist, dass Jesus von einer wut­ent­brann­ten Meu­te umge­bracht wur­de, weil er die Wahr­heit gegen­über den gesell­schaft­li­chen Mäch­ten aus­sprach. Gott brauch­te sein Opfer im Grun­de genom­men nicht wirk­lich. Aber Er mach­te mit, um uns ein nach­ah­mens­wer­tes Bei­spiel zu geben, was Ver­ge­bung bedeu­tet. Nicht Gott ver­lang­te Blut, son­dern die Men­schen. (Sei­te 86)

Eine neue Sicht der Bibel und von dem, was Jesus am Kreuz getan hat, führt auch zu einem neu­en Ver­ständ­nis von Sün­de und ein ande­res Evan­ge­li­um kommt zum Vor­schein. Chil­ders zitiert dazu bei­spiel­haft Bri­an McLa­ren:

Jesus kam um ein neu­es Reich anzu­kün­di­gen, eine neue Art zu leben, einen neu­en Frie­den, wel­cher gute Neu­ig­kei­ten für Men­schen aller Reli­gio­nen beinhal­tet… Es ging dar­um, dass Got­tes Wil­le getan wird, wie im Him­mel, so auf Erden. Es ging um Got­tes Treue und Soli­da­ri­tät mit aller Mensch­heit, in ihrem Lei­den, ihre Unter­drückung, und ihrem Bösen. Es ging um Got­tes Barm­her­zig­keit und den Ruf, sich mit Gott und den Men­schen zu ver­söh­nen, bereits vor dem Tod, schon hier auf der Erde. (McLa­ren zitiert auf Sei­te 92)

Chil­ders merkt je län­ger desto mehr, wel­che grund­le­gen­den Unter­schie­de die­ses Evan­ge­li­um  zum dem hat, was Chri­sten über Jahr­tau­sen­de geglaubt haben. Wesent­li­che Ele­men­te feh­len dar­in, wel­che nötig sind, dass Erlö­sung statt­fin­den kann. Ihr Fazit:

Das pro­gres­si­ve Evan­ge­li­um gibt uns eine impo­ten­te Gott­heit, die sich ledig­lich «soli­da­ri­sie­ren» kann mit unse­rem Lei­den und Sün­di­gen, uns aber nicht davon erlö­sen kann. Dies ist nicht das Evan­ge­li­um von Jesus. (Sei­te 92)

Alisa’s Befund könn­te kaum kla­rer aus­fal­len. Aber wie kommt sie dar­auf? Die Ant­wort liegt an den Ori­en­tie­rungs­punk­ten, die sie wählt, um ihre Rekon­struk­ti­on zu len­ken.


Bild: iStock

Ankerpunkte der Rekonstruktion des Glaubens

Mit der Zeit schleicht sich bei Ali­sa der lei­se Ver­dacht ein, dass der Anspruch ihres Pastors und der pro­gres­si­ven Influ­en­cer, ein «neu­es» oder «fort­ge­schrit­te­nes» Chri­sten­tum zu zeich­nen, kei­nes­wegs neu ist.

Als einen ersten Ori­en­tie­rungs­punkt ent­deckt Ali­sa die ersten Kir­chen­vä­ter für die Rekon­struk­ti­on ihres gebeu­tel­ten Glau­bens. Mun­ter zitiert sie Kle­ment (ca. AD 50 – 100), Ire­nä­us (ca. AD 135 – 200), Ter­tu­li­an (AD 150 – 220), Augu­stin (ca. AD 350 – 430) und ande­re. Sie sucht sich Leh­rer, die näher an den ori­gi­na­len Ereig­nis­sen dran sind als ihr Pastor. Über­rascht stellt sie fest, wie die Chri­sten nach dem Weg­ster­ben der Augen­zeu­gen-Genera­ti­on sehr schnell mit ähn­li­chen theo­lo­gi­schen Ideen kon­fron­tiert waren, wie sie ihr Pastor pro­pa­giert. So neu waren die Ideen ihres Pastors also doch nicht! Eher waren sie uralt. Wei­ter ent­deck­te Ali­sa in den Debat­ten der Kir­chen­vä­ter vie­le ver­tief­te Ein­sich­ten, war­um so man­che pro­gres­si­ve Aus­sa­ge über die Bibel, das Kreuz und das Evan­ge­li­um unzu­ver­läs­sig oder sogar irre­füh­rend sind. Ihr Fazit:

Ich ermu­ti­ge dich sehr, selbst die Kir­chen­vä­ter zu lesen (Sei­te 80)

Wir haben hier einen zwei­ten Ori­en­tie­rungs­punkt in der Rekon­struk­ti­on: das Lesen von Ori­gi­nal­tex­ten. Zitier­te Tex­te sind gut, das Lesen der Ori­gi­na­le bes­ser, weil es bes­ser vor der Miss­re­prä­sen­ta­ti­on des jeweils zitie­ren­den Autors schützt. Ali­sa liest aber nicht nur Ori­gi­nal­tex­te der Kir­chen­vä­ter, son­dern auch jene der aktu­el­len pro­gres­si­ven Eli­te, wie Bri­an McLa­ren, Rachel Held Evans, Rob Bell, Nadia Bolz-Weber, Peter Enns, Micha­el Gungor, Bart Ehr­mann und ande­re mehr. Sie will ver­ste­hen, wie sie den­ken, was sie antreibt, was sie an ihrem bis­he­ri­gen Glau­ben beun­ru­hig­te und war­um sie in ein so grund­le­gend ande­res «Chri­sten­tum» wech­seln.

Dies führt uns zum drit­ten Ori­en­tie­rungs­punkt. Chil­ders nennt es das «histo­ri­sche Chri­sten­tum»:

Heu­te sieht mein Glau­be nicht mehr so aus, wie frü­her. Ich habe mei­nen Glau­ben an bestimm­ten Punk­ten ange­passt und bin vor­sich­ti­ger gewor­den in mei­ner Inter­pre­ta­ti­on der Bibel. Ich habe eini­ge nicht-so-bibli­sche Ideen fal­len gelas­sen, die vor­her ein so wesent­li­cher Teil mei­ner Iden­ti­tät waren, dass ich sie nie hin­ter­fragt habe. Aber im Ver­lauf die­ser Rei­se habe ich ent­deckt, dass der Kern des histo­ri­schen Chri­sten­tum wahr ist. (Sei­te 9)

Chil­ders wählt bewusst das Wort «histo­risch» anstel­le von «tra­di­tio­nell» oder «kon­ser­va­tiv», weil letz­te­re Begrif­fe zu viel nega­ti­ve Pres­se haben. Sie wählt «histo­risch» auch, weil es durch­aus mög­lich ist zu wis­sen, was die Kern­über­zeu­gun­gen der aller­er­sten Chri­sten waren. Sogar skep­ti­sche Theo­lo­gen wie Bart Ehr­mann glau­ben bei­spiels­wei­se, dass 1. Korin­ther 15,3 – 5 die Glau­bens­über­zeu­gun­gen der ersten Chri­sten zeigt:

Ich habe an euch wei­ter­ge­ge­ben, was ich selbst als Über­lie­fe­rung emp­fan­gen habe, näm­lich als Erstes und Grund­le­gen­des: Chri­stus ist für unse­re Sün­den gestor­ben, wie es in den Hei­li­gen Schrif­ten vor­aus­ge­sagt war, und wur­de begra­ben. Er ist am drit­ten Tag vom Tod auf­er­weckt wor­den, wie es in den Hei­li­gen Schrif­ten vor­aus­ge­sagt war, und hat sich Petrus gezeigt, danach dem gan­zen Kreis der Zwölf. (1 Kor 15:3 – 5)

Die ersten Chri­sten glaub­ten also fol­gen­de Din­ge (Sei­ten 31 – 33):

  • Jesus ist für unse­re Sün­den gestor­ben.
  • Er wur­de begra­ben und ist von den Toten auf­er­stan­den.
  • Tod, Begräb­nis und Auf­er­ste­hung von Jesus sind nicht von den Hei­li­gen Schrif­ten (dem Alten Testa­ment) zu tren­nen.
  • Die Auf­er­ste­hung ist histo­risch über­prüf­bar und wird von Augen­zeu­gen bezeugt.

Alisa’s Argu­ment: Wer die­se Punk­te nicht glaubt, hat kei­nen Anteil mehr an den zen­tral­sten Über­zeu­gun­gen der Ersten Chri­sten, und soll­te sich ent­spre­chend auch nicht «Christ» nen­nen dür­fen. Denn immer­hin waren das die Über­zeu­gun­gen, wel­che den Glau­ben der ersten Chri­sten so tief und klar präg­ten, dass ihr Leben von die­sen Wahr­hei­ten auf den Kopf gestellt wur­de. Nahe­zu alle die­se wesent­li­chen Ele­men­te feh­len aber in der oben zitier­ten Dar­stel­lung von McLa­ren.

Damit sind wir bei einem vier­ten Ori­en­tie­rungs­punkt von Chil­ders: ein erneu­er­tes und begrün­de­tes Ver­trau­en in die Bibel als Got­tes Wort.

Mit die­sen vier Ori­en­tie­rungs­punk­ten fängt sie an, Stück für Stück ihren dekon­stru­ier­ten Glau­ben zu rekon­stru­ie­ren. Rekon­struk­ti­on! Etwas, zu dem vie­le pro­gres­si­ve Influ­en­cer kei­ne Hil­fe­stel­lun­gen zu lie­fern schei­nen, wie Ali­sa fest­ge­stellt hat, und ande­re wie Ian Har­ber eben­so. So gerü­stet bespricht Chil­ders einer­seits ihren Weg zurück in eine gefe­stig­te Glau­bens­ge­wiss­heit, ande­rer­seits ihre Aus­ein­an­der­set­zung mit The­men, wel­che pro­gres­si­ve Chri­sten inter­es­sie­ren, wie z.B. das Wesen der Höl­le, die Idee dass Jesu Tod am Kreuz einem kos­mi­schen Kin­des­miss­brauch gleich­kommt, die Fra­ge ob die Bibel das Wort Got­tes ist oder es ledig­lich beinhal­tet.

Fazit

Das Buch Ano­t­her Gos­pel? ist ein Auf­ruf, den histo­ri­schen christ­li­chen Glau­ben tie­fer ver­ste­hen zu ler­nen, damit Chri­sten sich nicht von jeder Idee, die als «neu» ver­kauft wird, unnö­tig irri­tie­ren lässt. Unser Glau­be darf fest wer­den in der Anwe­sen­heit alter­na­ti­ver reli­giö­ser Optio­nen (Heb 13:9). Lei­der spie­len fehl­ge­lei­te­te christ­li­che Leh­rer und sogar Pasto­ren eine oft ent­schei­den­de Rol­le im Desta­bi­li­sie­ren des Glau­bens von Chri­sten. Leh­ren­de Per­so­nen prä­gen nun­mal ihr eige­nes reli­giö­ses Para­dig­ma, egal was es für eines ist. Chri­sten müs­sen des­halb neu prü­fen ler­nen, wel­chen Leh­rern sie glau­ben und war­um. Chil­ders fasst es so zusam­men:

So kann ich nicht sagen, dass ich mit einem blin­den Glau­ben auf­ge­wach­sen bin. Mein Glau­be erleb­te die Bezeu­gung des Evan­ge­li­ums in sozia­ler Akti­on. Aber mein Glau­be war intel­lek­tu­ell schwach und uner­probt. Ich hat­te kei­nen Refe­renz-Rah­men, kei­ne Tool­box mit Werk­zeu­gen, die mir hal­fen, wenn jede Über­zeu­gung in Fra­ge gestellt wur­den, der ich bis dahin geglaubt hat­te. Und es war nicht ein Athe­ist, säku­la­rer Huma­nist, Hin­du, oder Bud­dhist, der mei­ne Glau­bens­kri­se aus­lö­ste — es war ein Christ. Kon­kre­ter, es war ein pro­gres­si­ver Pastor. (Sei­ten 5 – 6)

Über­rascht hat mich, wie wenig Ali­sa die sexu­al­ethi­schen The­men bespricht, wie z.B. die Homo­se­xua­li­tät. Die­ses The­ma kommt vor, aber eigent­lich eher am Ran­de. Ich habe auch mehr Ana­ly­se erwar­tet, war­um zur Zeit so vie­le Chri­sten ihren Glau­ben rekon­stru­ie­ren. Die­se bei­den nicht uner­heb­li­chen Lücken tun aber kei­nen Abbruch an einem unter­hal­tend geschrie­be­nen, per­sön­li­chen und gera­de auch für theo­lo­gisch wenig gebil­de­te Chri­sten gut ver­ständ­li­chem Buch.

Im Vor­wort zum Buch, zeich­net Chil­ders das schö­ne Bild eines Boo­tes, auf dem sie schö­ne Feri­en in den Bri­ti­schen Jung­fern­in­seln ver­brin­gen durf­te. Für die Nacht muss­ten sie das Boot jeweils mit einem Anker auf dem Mee­res­grund fest­ma­chen. Dies war nötig, damit das Boot wäh­rend dem Schla­fen nicht unbe­merkt abdrif­te­te und ein Unfall geschah. Der Anker muss­te dazu fest in den Grund ein­ge­hängt sein. Jeden Abend tauch­te jemand von der Besat­zung zum Anker ab, um das per­sön­lich sicher­zu­stel­len. Chil­ders dazu:

Im Chri­sten­tum ist der Anker die gesun­de bibli­sche Leh­re. Was pas­siert, wenn der Anker nicht fest ist oder die Lei­ne absicht­lich gekappt wird? Nun, sagt Phi­lo­soph Mark Mit­tel­berg, anfäng­lich nicht so viel. Für eine Wei­le wird der Glau­be nicht weit abdrif­ten. Tra­di­ti­on und Gewohn­heit wird ihn in der geist­li­chen Nach­bar­schaft hal­ten, wenig­stens für eine Zeit. Aber die wirk­li­che Gefahr liegt in dem, was län­ger­fri­stig unaus­weich­lich pas­sie­ren wird: Die Strö­me der Kul­tur wer­den die­ses Chri­sten­tum auf den Fel­sen der Irr­leh­re auf­pral­len las­sen und in die Irrele­vanz ver­sin­ken las­sen. (Aus dem Vor­wort)

Umso wich­ti­ger ist es, meint Chil­ders, unse­ren Glau­ben (ins­ge­samt bestehend aus unse­rer Lehr­mei­nung und Bezie­hung zu Gott) in den Boden der Rea­li­tät Got­tes zu ver­an­kern. Sonst enden wir bei einem ande­ren Evan­ge­li­um, einem ande­ren Glau­ben an einen impo­ten­ten Jesus der — zum Glück —  mit dem wirk­li­chen Jesus Chri­stus wenig bis gar nichts mehr zu tun hat.

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