‹After Evangelicalism› — eine persönliche Reaktion

Paul Bruderer
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Mit «After Evan­ge­li­ca­lism» legt David P. Gushee sei­nen umfas­sen­den Plan vor, wie Chri­sten aus dem Laby­rinth des «Evan­ge­li­ka­lis­mus» raus­kom­men könn(t)en. Lei­der redu­ziert er die evan­ge­li­ka­le Chri­sten­heit auf eine ‹christ­li­che, poli­ti­sche Rech­te›, was zu einer irre­füh­ren­den Kari­ka­tur einer welt­wei­ten Bewe­gung ver­kommt. Die mit­un­ter berech­tig­ten Anlie­gen des Buches wer­den dadurch lei­der auch in Mit­lei­den­schaft gezo­gen. Für mich als «Evan­ge­li­ka­ler» stellt sich durch Gushee’s Buch die Fra­ge nach dem Umgang mit dem Label «evan­ge­li­kal» und der damit ver­bun­de­nen Theo­lo­gie.

Mit dra­ma­ti­schen Wor­ten star­tet David P. Gushee in sein neu­es Buch After Evan­ge­li­ca­lism. The Path to a new Chri­stia­ni­ty (August 2020):

«Dies ist ein Buch für Men­schen, die frü­her ein­mal «Evan­ge­li­ka­le» waren, und jetzt post-Evan­ge­li­ka­le oder ex-Evan­ge­li­ka­le oder #exv­an­ga­li­cals sind, oder irgend­wo schmerz­haft dazwi­schen. Ich bin einer von ihnen. Einer von euch. Allein schon in den USA gibt es Mil­lio­nen von uns» (Kind­le Posi­ti­on 241).

Gushee ist im deutsch­spra­chi­gen Raum kein unbe­schrie­be­nes Blatt. Sein Buch «Chan­ging our mind» sorg­te 2014 für Auf­se­hen. Es präg­te Denk­pro­zes­se eini­ger mei­ner Freun­de, wel­che tra­di­tio­nel­le Ansich­ten im The­men­be­reich Sexu­al­mo­ral / LGTBQ hin­ter­fra­gen woll­ten. Damals beschrieb Gushee, wie er als kon­ser­va­ti­ver, evan­ge­li­ka­ler Pro­fes­sor für Ethik sei­ne Mei­nung über die Auf­nah­me von LGTBQ Men­schen in christ­li­chen Gemein­den geän­dert hat.

Gushee’s neu­stes Buch wird bereits im deutsch­spra­chi­gen Raum in den sozia­len Medi­en dis­ku­tiert. Die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen rund um den US-Prä­si­den­ten Donald Trump beein­flus­sen die Chri­sten bis zu uns. Sei­ne Bewirt­schaf­tung evan­ge­li­ka­ler Chri­sten als wich­ti­ge Wäh­ler­grup­pe führt auch in unse­ren Brei­ten­gra­den dazu, dass Leu­te sich öffent­lich vom Label «evan­ge­li­kal» los­sa­gen. Hash­tags wie #exvan­ge­li­cal oder #not­my­je­sus machen die Run­de. Mit sei­nem aktu­ell nur auf eng­lisch zu lesen­den Buch After Evan­ge­li­ca­lism stimmt auch Gushee in den Chor die­ser Stim­men ein. Bereits 2017 hat­te er öffent­lich mit dem «Evan­ge­li­ka­lis­mus» gebro­chen. Nun möch­te er zei­gen, wohin die Rei­se gehen könn­te: in einen «christ­li­chen Huma­nis­mus». From­me Chri­sten soll­ten beim Begriff «Huma­nis­mus» nicht vor­schnell urtei­len., son­dern sich die Zeit neh­men zu erfah­ren, was Gushee damit meint.

Die­ses Buch hat mich inner­lich umge­trie­ben. Des­halb ist die­ser Text weni­ger eine klas­si­sche Rezen­si­on mit Über­blick über die Inhal­te eines Buches. Ich schrei­be als per­sön­lich vom The­ma betrof­fe­ner Christ. Ich reflek­tie­re über aktu­el­le Span­nun­gen in der west­li­chen Chri­sten­heit und über die zuneh­mend feind­se­li­ge Grund­stim­mung, wel­che sich auch in kirch­li­chen Krei­sen gegen­über der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung breit­macht. Für nicht Ein­ge­weih­te ist des­halb ein klei­ner Exkurs zu die­sem Begriff wich­tig.

Evangelikalismus

Der deut­sche Wiki­pe­dia Ein­trag gibt einen schnel­len, aber auch aus­führ­li­chen Ein­blick, was «Evan­ge­li­ka­lis­mus» ist. Ich emp­feh­le, ihn zu lesen und wage hier mei­ne eige­ne Kurz­fas­sung. In den 1950-er und 1960-er Jah­ren nutz­te eine Grup­pe von Theo­lo­gen den Begriff «evan­ge­li­kal», um sich abzu­gren­zen gegen­über dem pro­te­stan­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­mus. Ihr Anlie­gen war es, Din­ge zu beto­nen, wel­che die dama­li­gen Fun­da­men­ta­li­sten nicht taten, ins­be­son­de­re sozia­les Enga­ge­ment. Sie woll­ten auch dia­log- und kon­sens­fä­hi­ger sein, also eine gros­se ‘Mit­te’ der Chri­sten anspre­chen. Gleich­zei­tig war ihnen wich­tig, theo­lo­gisch nicht ins «libe­ra­le» Lager zu wech­seln, wel­ches bis dahin stär­ker dafür bekannt war, sozia­le Anlie­gen zu för­dern.

Die evan­ge­li­ka­le Bewe­gung war kein eige­ner christ­li­cher Kir­chen­ver­band. Viel­mehr waren es bestimm­te Merk­ma­le, die betont wur­den, wie zum Bei­spiel die per­sön­li­che Ent­schei­dung für Jesus, die Auto­ri­tät der Bibel in allen Fra­gen des Glau­bens und der Lebens­füh­rung und welt­wei­te Mis­si­on. Des­halb konn­ten Chri­sten aus allen mög­li­chen kirch­li­chen Hin­ter­grün­den sagen, dass sie «evan­ge­li­kal» sind. Mein Ein­druck ist, dass die Evan­ge­li­ka­len theo­lo­gisch auf dem­sel­ben Boden blie­ben wie die pro­te­stan­ti­schen Fun­da­men­ta­li­sten, aber sie fan­den auf die­sem Boden theo­lo­gi­schen Spiel­raum, um in diver­sen Belan­gen beweg­li­cher — und ja — «pro­gres­si­ver» — zu sein.

Die Evan­ge­li­ka­len sind kei­ne mar­gi­na­le oder auf die USA begrenz­te Bewe­gung, son­dern ver­eint über 600 Mil­lio­nen Chri­sten welt­weit, über die Gren­zen von Kul­tu­ren oder Haut­far­be hin­weg. Von Anfang an wur­den ver­schie­de­ne Mei­nun­gen ver­tre­ten, zum Bei­spiel in sozia­len und poli­ti­schen Fra­gen. Es war des­halb schon immer schwie­rig «DEN Evan­ge­li­ka­lis­mus» detail­liert zu defi­nie­ren. Doch es gab von Anfang an einen grös­se­ren Flü­gel, der ein ganz­heit­li­ches Ver­ständ­nis des Reich Got­tes beton­te. In mei­nem Stu­di­um am All Nati­ons Col­le­ge in den 1990-er Jah­ren waren eini­ge mei­ner Pro­fes­so­ren prä­gen­de Theo­lo­gen der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung. Dazu gehör­te René Padil­la aus Argen­ti­ni­en, des­sen Unter­richt mich tief geprägt hat, oder John Stott und Chris Wright. Die­ses ganz­heit­li­che Ver­ständ­nis des Evan­ge­li­ums führ­te dazu, dass heu­te in vie­len evan­ge­li­kal gepräg­ten Kir­chen The­men wie sozia­le Gerech­tig­keit, Öko­no­mie und auch Öko­lo­gie als Teil des Auf­trags der Kir­che gese­hen wer­den.


All Nati­ons Chri­sti­an Col­le­ge, ca. 1999, Paul Bru­de­rer (3. v. l.) mit René Padil­la (5. v. l.) und wei­te­ren Stu­den­ten.

Die aktuell grösste Sünde: ‹evangelikal›

Hier fängt – ich gebe es zu – mein Frust mit Gushee an. Aber nicht nur mit ihm. Was ich am Bei­spiel von Gushee beschrei­be, ist sym­pto­ma­tisch für etwas, was ich zuneh­mend beob­ach­te: eine Kari­kie­rung evan­ge­li­ka­ler Chri­sten, wel­che einer Stig­ma­ti­sie­rung gleich­kommt!

Gushee macht kei­nen Hehl dar­aus, dass er im Prin­zip von allen christ­li­chen Tra­di­tio­nen ler­nen kann, aus­ser von Evan­ge­li­ka­len. Von den Evan­ge­li­ka­len kann Gushee schon etwas ler­nen: Wie man es ja nicht machen soll. Er lässt «Evan­ge­li­ka­len» nicht den Hauch einer Chan­ce. Eini­ge Bei­spie­le sol­len dies illu­strie­ren.

Evan­ge­li­ka­le Theo­lo­gie soll bei­spiels­wei­se in aller Welt Ver­fol­gung bewir­ken. Die Iden­ti­tät der Über­set­zer sei­nes Buches Chan­ging our mind in die Swa­hi­li Spra­che müs­se geheim gehal­ten wer­den. Der Grund:

Das gros­se Lei­den von LGTBQ Men­schen in Afri­ka ist teil­wei­se ver­ur­sacht durch fun­da­men­ta­li­sti­schen evan­ge­li­ka­len Fana­tis­mus. (Kind­le Posi­ti­on 417).

Wenn das wahr ist, müss­ten Evan­ge­li­ka­le die ersten sein, die sich gegen so etwas erhe­ben! Gushee zeich­net evan­ge­li­ka­le Pasto­ren als unmensch­li­che Quä­ler, weil sie ihre Bibel und Theo­lo­gie höher als die Men­schen ach­ten:

Erfah­rung ist eine der zuver­läs­sig­sten Wege, wie wir Din­ge erken­nen… Aber Evan­ge­li­ka­le haben die Bibel hoch­ge­hal­ten und die Erfah­rung her­un­ter­ge­spielt. Dies hat oft kata­stro­pha­le Fol­gen in Bezug auf das rea­le Leben der Men­schen. Ich den­ke an Pasto­ren, die ver­prü­gel­te Ehe­leu­te zurück in miss­bräuch­li­che Ehen geschickt haben, weil sie mehr auf das hör­ten, was ihrer Mei­nung nach die Bibel sagt anstatt auf die Stim­me derer, die ter­ro­ri­siert und miss­braucht wur­den. Pasto­ren, die miss­brauch­ten Kin­dern sag­ten, sie müss­ten sich ihren Eltern unter­ord­nen anstatt auf die Miss­brauch Erfah­rung der Kin­der zu hören. Und Pasto­ren sag­ten frü­her ein­mal, dass Skla­ven sich ihren Her­ren unter­ord­nen müs­sen. Und ja, Bibel Wis­sen­schaft­ler, Pasto­ren, Eltern, Leh­rer, Freun­de und über­haupt alle sag­ten LGTBQ christ­li­chen Teen­ager, dass sie ihre eige­ne Sexua­li­tät, Per­son und Lei­den ableh­nen müs­sen. (Kind­le Posi­ti­on 1298).

Lan­ge Abschnit­te des Buches sind in die­ser Tona­li­tät gehal­ten. Die angeb­li­che Unmensch­lich­keit evan­ge­li­ka­ler Pasto­ren kommt gemäss Gushee unter ande­rem von ihrer grund­fal­schen Theo­lo­gie:

Kein christ­li­cher Pastor kann ein­fach zuschau­en, wenn Men­schen sich vom Glau­ben ent­fer­nen — dem Evan­ge­li­um, der guten Nach­richt, das wir an unse­rer Ordi­na­ti­on wei­ter­zu­brin­gen gelo­ben. Dies ist ins­be­son­de­re wahr, wenn das, was die Men­schen ver­treibt, nicht etwa Jesus ist, son­dern eine beson­ders schäd­li­che Ver­si­on des Chri­sten­tum, das sich durch­ge­setzt hat gegen das, was Jesus lehr­te und leb­te. (Kind­le Posi­ti­on 768).

Gushee lässt an dem, was er «Evan­ge­li­ka­lis­mus» nennt, kein ein­zi­ges gutes Haar ste­hen. Ein Grund für alle die­se Pro­ble­me muss sein, sagt Gushee, dass evan­ge­li­ka­le Chri­sten und deren Pasto­ren unfä­hig und eher dumm sind:

Das Pro­blem dort ist jedoch: Vie­le der popu­lär­sten Lei­ter, zu denen Evan­ge­li­ka­le sich hin­ge­zo­gen füh­len, sind… sagen wir, ziem­lich ein­ge­schränkt in ihren Fähig­kei­ten. Joel Osteen. Ken­neth Cope­land. Pau­la White. Ich mei­ne, wirk­lich. (Kind­le Posi­ti­on 934).

Naja, viel­leicht hat er hier und dort recht… Trotz­dem: die evan­ge­li­ka­le Bewe­gung hat eini­ge der fein­sten Theo­lo­gen unse­rer Zeit her­vor­ge­bracht wie Tho­mas Schirr­ma­cher und Bil­ly Gra­ham.

Die Wucht, mit der Gushee über eine Bewe­gung her­zieht, der ich mich zuge­hö­rig füh­le, grenzt manch­mal ans Uner­träg­li­che. Ich frag­te mich nach einer Wei­le: Kann das wirk­lich sein? Sind alle Evan­ge­li­ka­le so, wie Gushee es sagt?

Mein Ein­druck ist, dass Gushee eine Kari­ka­tur zeich­net, und die­ser Kari­ka­tur das Label «Evan­ge­li­ka­lis­mus» auf­drückt. Die Kari­ka­tur ist eine undif­fe­ren­zier­te Reduk­ti­on der «evan­ge­li­ka­len Chri­sten­heit» auf die christ­li­che poli­ti­sche Rech­te, pri­mär in der US-Vari­an­te. Zuge­ge­ben: Die dor­ti­ge Nähe evan­ge­li­ka­ler Expo­nen­ten zur Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei, bis zur ihrer Koali­ti­on mit dem aktu­el­len Prä­si­dent Trump, hat es schwie­rig oder sogar unmög­lich gemacht, in der Öffent­lich­keit die Brei­te der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung zu zei­gen.

Gushee’s Pro­ble­me mit dem «Evan­ge­li­ka­lis­mus» fin­gen aber nicht erst mit Trump an, son­dern schon frü­her und ent­schei­dend mit Sexu­al­ethik. Ab den 1970-er Jah­ren ent­wickel­te die west­li­che Kul­tur eine wach­sen­de Offen­heit für sexu­al­ethi­sche Wer­te, über die sich die Evan­ge­li­ka­len ziem­lich einig waren, dass sie abzu­leh­nen sind. Die­se gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung dräng­te Evan­ge­li­ka­le in eine Offen­heit, ihre Stim­me poli­ti­schen Akteu­ren zu geben, wel­che ihre sexu­al­ethi­schen Wer­te schüt­zen wür­den. So ent­stand in bestimm­ten evan­ge­li­ka­len Quar­tie­ren eine Zusam­men­füh­rung von kon­ser­va­ti­ven, sexu­al­ethi­schen Wer­ten mit rechts ori­en­tier­ter Poli­tik. Nicht alle Evan­ge­li­ka­le taten dies aus Über­zeu­gung. Eini­ge sicher schon. Für ande­re Evan­ge­li­ka­le war es poli­ti­scher Oppor­tu­nis­mus wegen Man­gel an poli­ti­schen Optio­nen. Ich als Aus­sen­ste­hen­der dach­te 2016 immer wie­der: Die Wahl zwi­schen Hil­la­ry Clin­ton und Donald Trump ist wirk­lich eine unmög­li­che Wahl. Kei­ner der bei­den kom­men in Fra­ge, aber einen der bei­den muss man wäh­len. Ich bin froh, dass ich kei­ne Ent­schei­dung tref­fen muss­te.

Wäh­rend inner­halb der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung kon­ser­va­ti­ve sexu­al­ethi­sche Wer­te ziem­lich ein­heit­lich ver­tre­ten wer­den, ist das in The­men­be­rei­chen von Poli­tik und Gesell­schaft nicht so. Evan­ge­li­ka­le Theo­lo­gie kann mit guter Begrün­dung Wer­te her­vor­brin­gen, wel­che sowohl poli­tisch eher rechts und gleich­zei­tig poli­tisch eher links ein­zu­ord­nen sind. Die christ­li­che Rech­te ist dem­zu­fol­ge zwar ein Teil der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung, aber – aus mei­ner Sicht – nicht reprä­sen­ta­tiv für die Bewe­gung als Gan­zes.

Gushee’s Glei­chung «Evan­ge­li­ka­lis­mus = christ­li­che Rech­te» ist in vie­ler­lei Wei­se pro­ble­ma­tisch. So kön­nen auch ande­re Aus­prä­gun­gen der Chri­sten­heit poli­tisch rechts ori­en­tier­te Chri­sten her­vor­brin­gen. Bei­spiels­wei­se ist Trumps ein­sti­ger rechts­po­pu­li­sti­scher Wahl­stra­te­ge Ste­phen Ban­non ein Katho­lik. Und die katho­li­sche Sexu­al­ethik ist eben­so wenig auf der Linie von Gushee. Gushee müss­te also kon­se­quen­ter­wei­se auch gegen diver­se wei­te­re Glau­bens­tra­di­tio­nen anschrei­ben. Tut er aber nicht. Para­do­xer­wei­se erklärt uns Gushee, dass er jede Woche die katho­li­sche Mes­se besucht (Kind­le Posi­ti­on 1046) und von Katho­li­ken ler­nen kann. Müss­te er wegen Leu­te wie Ban­non und wegen der katho­li­schen Sexu­al­ethik nicht ein Buch «After Catho­li­cism» schrei­ben?

Gushee’s Glei­chung «Evan­ge­li­ka­lis­mus = christ­li­che Rech­te» führt zu wei­te­ren Miss­ver­ständ­nis­sen und fälsch­li­chen Reprä­sen­ta­tio­nen. Wenn ich als Christ evan­ge­li­ka­ler Prä­gung bei­spiel­wei­se gegen Abtrei­bung bin, wer­de ich auch in ande­ren Berei­chen nahe­zu auto­ma­tisch als poli­tisch rechts ein­ge­ord­net. Der Ver­dacht ist, dass die­sel­be theo­lo­gi­sche Posi­tio­nie­rung, wel­che zu mei­ner Abtrei­bungs­kri­tik führt, mich auch in ande­ren Punk­ten ins­ge­heim poli­tisch rechts posi­tio­nie­ren wird. Dann muss ich doch wohl in irgend einer Wei­se auch natio­na­li­stisch und ras­si­stisch sein! Was aus einem christ­li­chen Stand­punkt natür­lich unmög­lich ist.

Das näch­ste Pro­blem folgt auf dem Fuss. Wenn die evan­ge­li­ka­len theo­lo­gi­schen Grund­über­zeu­gun­gen mit allen Übeln der Welt in Ver­bin­dung gebracht wer­den, müs­sen Men­schen, die z.B. vom Ras­sis­mus los­kom­men wol­len, undif­fe­ren­ziert alle evan­ge­li­ka­len theo­lo­gi­schen Über­zeu­gun­gen über Bord wer­fen. Die­ses theo­lo­gi­sche «Kind mit dem Bad aus­schüt­ten» führt zu Mei­nun­gen, wel­che mei­nes Erach­tens sowohl jen­sei­ti­ges wie auch dies­sei­ti­ges Heil signi­fi­kant gefähr­den.

Sol­che Effek­te gibt es unter ande­rem, weil Leu­te wie Gushee «evan­ge­li­kal» zu ihrem Feind­bild erklärt haben. Sie haben die Medi­en gross­mehr­heit­lich auf ihrer Sei­te, und sie fin­den für ihr Feind­bild dank­ba­re Abneh­mer. Man könn­te mei­nen, dass «evan­ge­li­kal sein» aktu­ell die gröss­te Sün­de ist. Zumin­dest in gewis­sen Krei­sen.

Wenn ich mich der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung zuge­hö­rig füh­le, stellt sich die Fra­ge: Was jetzt? Wie gehen wir mit die­sem Label «evan­ge­li­kal» um? Das Label ist mir nicht so wich­tig. Viel ent­schei­den­der sind Inhal­te, Wer­te und theo­lo­gi­sche Über­zeu­gun­gen, die bis jetzt damit ver­bun­den wur­den. Das «Label» könn­ten wir mei­net­we­gen unge­niert able­gen, die Theo­lo­gie dür­fen wir – mei­ner Mei­nung nach – auf kei­nen Fall able­gen, denn sie ist sehr gut und lebens­be­ja­hend!

Ein differenziertes Bild tut Not

Stimmt das Bild, wel­ches Gushee von der Mehr­heit des «Evan­ge­li­ka­lis­mus» in den USA zeich­net? Das kön­nen ande­re mög­li­cher­wei­se bes­ser beur­tei­len als ich, bin ich doch kein Ame­ri­ka­ner. Doch ich glau­be, dass ein dif­fe­ren­zier­tes Bild auf die evan­ge­li­ka­le Bewe­gung als Gan­zes Not tut. Eini­ge Ein­blicke dazu aus mei­nem per­sön­li­chen Erle­ben:

Ich habe ame­ri­ka­ni­sche evan­ge­li­ka­le Chri­sten ken­nen­ge­lernt, die über­haupt nicht in Gushee’s Bild pas­sen, aber durch und durch «evan­ge­li­kal» sind. Unter ande­rem ist da mei­ne gelieb­te «Rez Band» aus Chi­ca­go. Seit Ende der 1980-er Jah­ren bin ich ein­ge­fleisch­ter Fan von die­ser christ­li­chen Hard­rock-For­ma­ti­on. Ihr grif­fi­ger Sound und ihre muti­gen, sozi­al­kri­ti­schen Tex­te sind der Ham­mer! Rez ist Teil einer grö­ße­ren christ­li­chen Kom­mu­ne, der Jesus Peop­le USA, die sich seit Jahr­zehn­ten durch ihr sozia­les Enga­ge­ment in den ‹Slums› von Chi­ca­go aus­zeich­net. Als ich sie besuch­te, sah ich, wie gute evan­ge­li­ka­le Theo­lo­gie zu einem Leben der Hin­ga­be an den Schwäch­sten der Gesell­schaft führt. Die Jesus Peop­le nah­men auch gros­se per­sön­li­che Opfer in Kauf, um den Men­schen so die­nen zu kön­nen. Ich sah bei ihnen auch vie­le Men­schen afri­ka­ni­scher Abstam­mung, die ganz in die Gemein­schaft ein­ge­bun­den waren oder deren Zuwen­dung fan­den.

Und über­haupt! Wenn die Theo­lo­gie das Pro­blem ist, das uns Evan­ge­li­ka­le zu Mon­stern mutie­ren lässt, was ist mit mei­nen Eltern? Inspi­riert von tra­di­tio­nel­ler evan­ge­li­ka­ler Theo­lo­gie und auf­grund einer per­sön­li­chen Bezie­hung mit Jesus Chri­stus, dien­ten sie über Jahr­zehn­te hin­weg Men­schen von aller­hand reli­giö­ser Her­kunft. Das taten sie, als wir in Afri­ka leb­ten. Sie tun es heu­te noch in ihrem hohen Alter — hier in der Schweiz. Wer besucht Asyl­su­chen­de und Migran­ten? Mei­ne Eltern. Wer gibt ihnen unent­gelt­lich Sprach­un­ter­richt oder hilft ihnen in der Schweiz zurecht­zu­fin­den? Mei­ne Eltern — zusam­men mit ande­ren Men­schen mei­ner Gemein­de.

Mei­ne eige­ne Gemein­de — ein gutes Stich­wort! Ich bin umge­ben von Men­schen mit evan­ge­li­ka­ler ‹DNA›, die zum Teil grös­se­re Kar­rie­ren auf­ge­ge­ben haben, um in müh­sa­mer Klein­ar­beit Migran­ten zu beglei­ten, zu lie­ben, ihnen zu hel­fen. Leu­te aus mei­ner Gemein­de haben ein Begeg­nungs­ka­fé mit­ge­grün­det, in dem Migran­ten will­kom­men geheis­sen wer­den und ihnen Hil­fe ver­mit­telt wird. Und das alles, ohne dass die­se Migran­ten ein­fach als «Bekeh­rungs­ob­jek­te» gese­hen wer­den. Ande­re aus mei­ner Gemein­de haben eine Sozi­al­fir­ma gegrün­det, in der gut 40 Arbeits­lo­se eine span­nen­de Beschäf­ti­gung fin­den. Wie­der ande­re haben eine Bera­tungs­stel­le für arbeits­lo­se Jugend­li­che gegrün­det. Alles Leu­te, die von einer evan­ge­li­ka­len Theo­lo­gie geprägt und von ihrer Bezie­hung mit Jesus beseelt sind und sich des­halb den Men­schen unse­rer Zeit hin­ge­ben.

Ich kämp­fe nicht um das Label «Evan­ge­li­kal», son­dern um die Theo­lo­gie, die damit ver­bun­den ist. Ich sehe in ihr die Grund­la­ge, der Beweis, der Men­schen­freund­lich­keit Got­tes, wel­che in der Bibel so gut beschrie­ben ist:

Als aber erschien die Freund­lich­keit und Men­schen­lie­be Got­tes, unse­res Hei­lands, mach­te er uns selig – nicht um der Wer­ke wil­len, die wir in Gerech­tig­keit getan hät­ten, son­dern nach sei­ner Barm­her­zig­keit – durch das Bad der Wie­der­ge­burt und Erneue­rung im Hei­li­gen Geist, den er über uns reich­lich aus­ge­gos­sen hat durch Jesus Chri­stus, unsern Hei­land, damit wir, durch des­sen Gna­de gerecht gewor­den, Erben sei­en nach der Hoff­nung auf ewi­ges Leben. Das ist gewiss­lich wahr. Dar­um will ich, dass du fest­bleibst, damit alle, die zum Glau­ben an Gott gekom­men sind, dar­auf bedacht sind, sich mit guten Wer­ken her­vor­zu­tun. Das ist gut und nütz­lich für die Men­schen. (Titus 3:4 – 8)


‹The Friend­ly Towers›, Chi­ca­go, Mit­te 1990er, Paul Bru­de­rer (rechts) vor dem ehe­ma­li­gen Hotel, wel­ches die JPUSA als Wohn­ge­mein­schaft umge­nutzt hat­ten.

Kritische Würdigung

Aus Platz­grün­den ist es kaum mög­lich, an die­ser Stel­le eine aus­führ­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den vie­len (wich­ti­gen!) The­men zu füh­ren, die Gushee in sei­nem Buch auf­greift. Vie­les davon sehe ich kri­tisch, nicht nur das pau­scha­li­sier­te Zeich­nen eines evan­ge­li­ka­len Feind­bil­des. Doch ist mir wich­tig, wenig­stens zu ver­su­chen, Gushee mit der Dif­fe­ren­ziert­heit zu behan­deln, die ich bei ihm ver­mis­se:

  • Gushee’s sexu­al­ethi­sche Lösun­gen über­zeu­gen mich sowohl biblisch als auch seel­sor­ger­lich über­haupt nicht. Ich habe an ande­ren Orten schon dar­über geschrie­ben, wes­halb das so ist. Gut fin­de ich hin­ge­gen, dass er die schwie­ri­gen Fra­gen offen aus­spricht, die ich in mei­nen Krei­sen sel­ten höre. Zum Bei­spiel die schlich­te Fra­ge: Wie gehen wir mit dem gros­sen zeit­li­chen Unter­schied zwi­schen sexu­el­ler Rei­fe jun­ger Men­schen und dem Hei­rats­al­ter um?
  • Gushee’s Bibel­ver­ständ­nis feh­len ent­schei­den­de histo­ri­sche Ele­men­te. Er legt die Auto­ri­tät der Bibel ganz in die Gemein­schaft der Chri­sten. Gemäss die­ser Sicht ist es dann kein Pro­blem, wenn die Chri­sten heu­te die Din­ge anders sehen. Sie kön­nen dann vie­les an der Bibel ändern. Mein Ver­ständ­nis ist, dass die ersten Chri­sten die Auto­ri­tät Got­tes in bestimm­ten Schrif­ten fan­den, anstatt bestimm­ten Schrif­ten Auto­ri­tät zu geben. Das ist ein wich­ti­ger Unter­schied mit weit­rei­chen­den Aus­wir­kun­gen. Gushee stellt auch beim Bibel­ver­ständ­nis vie­le gute und wich­ti­ge Fra­gen, die ich aber ganz anders lösen wür­de. So endet Gushee’s Ansatz in einem wenig hilf­rei­chen, selek­ti­ven Umgang mit der Bibel.
  • Sei­nem Bibel­ver­ständ­nis ent­spre­chend agiert Gushee Jesus gegen­über. Hier gebe ich Gushee mehr Zuspruch. Das Bild von Jesus, das vie­le Chri­sten (egal wel­cher Affir­ma­ti­on) haben, ist der­mas­sen «ver­süss­licht» (neue Wort­schöp­fung), dass man sich fragt, ob sie über­haupt in ihrer Bibel lesen. Und «weiss mit blon­den Haa­ren» war Jesus gewiss nicht. Jesus ver­spricht uns auch nicht per­sön­li­chen Erfolg. Gushee kor­ri­giert da man­che Feh­ler. Die Reich-Got­tes-Ethik von Jesus, die Gushee zeich­net, hat wich­ti­ge Ele­men­te drin. Doch Gushee lan­det ten­den­zi­ell bei einem dies­sei­ti­gen Jesus. Ob sein Jesus das Jen­seits über­haupt noch im Blick hat?
  • Gushee’s erkennt­nis­theo­re­ti­schen Ansät­ze, grün­den vor allem auf mensch­li­che Erfah­rung: ande­re christ­li­che Tra­di­tio­nen (selbst­ver­ständ­lich abge­se­hen der evan­ge­li­ka­len Tra­di­ti­on), Ver­stand, Intui­ti­on, Bezie­hun­gen, Gemein­schaft, Kunst, Wis­sen­schaft. Ich bin ein­ver­stan­den, dass die­se Quel­len von Infor­ma­ti­on ein Teil unse­rer Erkennt­nis­pro­zes­se bil­den. Auch evan­ge­li­ka­le Theo­lo­gie, wel­che in der gött­li­chen Offen­ba­rung der Bibel höch­ste Auto­ri­tät sieht, muss irgend­wo «im Mensch lan­den». Bei Gushee scheint die letz­te Auto­ri­tät jedoch im Men­schen selbst ver­or­tet zu sein. Des­halb fra­ge ich mich, ob sein «christ­li­cher Huma­nis­mus» genug belast­bar ist, wenn wider­sprüch­li­che mensch­li­che For­de­run­gen im Raum ste­hen.

Gushee muss aber auch für eini­ge gute und span­nen­de Ele­men­te gewür­digt wer­den. Einer der posi­ti­ven Aspek­te ist, dass Gushee ernst­haft bemüht scheint, Men­schen nach ihrer Glau­bens­de­kon­struk­ti­on einen Weg zu wei­sen. In einem unse­rer aktu­el­len Arti­kel beklagt Ian Har­ber , wie das «pro­gres­si­ve Chri­sten­tum» ihn in eine Dekon­struk­ti­on lock­te, aber kei­ne Mit­tel lie­fer­te, um einen neu­en Glau­ben zu rekon­stru­ie­ren. Ich selbst ken­ne etli­che Men­schen, die den Glau­ben ver­lo­ren haben, und jetzt vor dem Nichts ste­hen. Kei­ne neu­en, oder ande­ren Gewiss­hei­ten oder Ein­sich­ten sind ent­stan­den. Ihre welt­an­schau­li­che Ori­en­tie­rung wur­de vor allem kaputt gemacht, ohne dass neue Ori­en­tie­rung hin­ein­kam.

Gushee begeht die­sen Feh­ler nicht, und das ver­dient eine Wür­di­gung. Mit sei­nem Buch lei­stet er einen Bei­trag dazu, wie eine ‹Rekon­struk­ti­on› des Glau­bens von Men­schen aus­se­hen könn­te, die nicht mehr «evan­ge­li­kal» sein wol­len. Bis auf ein­zel­ne Aspek­te hal­te ich das, WAS er uns vor Augen malt, zwar nicht für gut, gesund und rich­tig. Aber: Er lässt die Men­schen nicht fal­len. Mit Gushee stellt sich jemand der Auf­ga­be, einen Weg vor­wärts zu zeich­nen. Gushee bezeich­net sich sogar selbst als Hir­te für die ori­en­tie­rungs­lo­sen, pro­gres­si­ven Scha­fe:

Ich füh­le eine tie­fe Ver­ant­wor­tung, die­ser wach­sen­den Grup­pe von Exil Evan­ge­li­ka­len einen Weg vor­wärts auf­zu­zei­gen… Mei­ne erste Beru­fung mit 17 Jah­ren war es, christ­li­cher Pastor zu wer­den… Die­ses Buch ist Aus­druck die­ser Beru­fung. Ich füh­le mich beru­fen zu hel­fen, die ver­lo­re­nen Scha­fe des Post­evan­ge­li­ka­lis­mus zu wei­den… vie­le von ihnen gebro­che­nen Her­zens, wütend und ent­frem­det von ihren Kir­chen, Fami­li­en und Gott. Die­ses Buch ist für sie. (Kind­le Posi­ti­on 443, Her­vor­he­bung des Autors)

Der mög­li­cher­wei­se wich­tig­ste und rea­le Bei­trag von Gushee ist die Offen­le­gung der histo­ri­schen Momen­te in den letz­ten zwei Jahr­hun­der­ten, in denen der «US-Evan­ge­li­ka­lis­mus» es ver­säumt hat, auf sein sozi­al­kri­ti­sches Ele­ment zu hören und sich von Ras­sis­mus zu distan­zie­ren (Kap. 9). Die gros­sen Erweckun­gen im Ame­ri­ka des 18. und 19. Jahr­hun­derts führ­ten nach Gushee nicht zu den nöti­gen Mass­nah­men gegen Ras­sis­mus. Im Gegen­teil — weis­se Evan­ge­li­ka­le ver­tei­dig­ten mit ihrer Dok­trin ihren Ras­sis­mus wei­ter. Gushee iden­ti­fi­ziert in aller Kon­se­quenz die Ursa­che dafür, indem er Ebo­ni Mar­shall zitiert:

Das weis­se, ame­ri­ka­ni­sche Chri­sten­tum wur­de in der Irr­leh­re gebo­ren. (Kind­le Posi­ti­on 3162)

Damit meint Gushee Irr­leh­ren, die er im euro­päi­schen Spa­ni­en und Por­tu­gal aus dem 15. Jahr­hun­dert sieht, und die von den Kolo­ni­al­mäch­ten in den Rest der Welt expor­tiert wor­den sei­en. Das Kapi­tel 9 ist ein­drück­lich und pro­phe­tisch. Ras­sis­mus ist in den USA ein gros­ses The­ma, das wis­sen alle spä­te­stens seit «Black Lives Mat­ter». Bei uns wird Ras­sis­mus weni­ger dis­ku­tiert, mög­li­cher­wei­se zu Unrecht. Das Kapi­tel 9 von After Evan­ge­li­ca­lism soll­ten wir gründ­lich an uns her­an­las­sen — auch als Evan­ge­li­ka­le.

Christlicher Humanismus?

Was ist denn das «neue Chri­sten­tum», in das Gushee uns beglei­ten will? Er nennt es «christ­li­cher Huma­nis­mus». Evan­ge­li­ka­le Chri­sten soll­ten nicht vor­schnell nega­tiv auf das Wort «Huma­nis­mus» reagie­ren. Man muss immer schau­en, was damit gemeint ist. Gushee’s Inspi­ra­ti­on zum «christ­li­chen Huma­nis­mus» ist nie­mand gerin­ger als Eras­mus von Rot­her­dam. Eras­mus war anfäng­lich ein Sup­por­ter von Mar­tin Luthers Refor­ma­ti­on, mutier­te aber zu einem sei­ner wich­tig­sten Kri­ti­ker. Von Eras­mus inspi­riert, sieht Gushee ein auf den Men­schen aus­ge­rich­te­tes Chri­sten­tum, wel­ches fol­gen­de Eigen­schaf­ten haben soll (lose zitiert ab Kind­le Posi­ti­on 1429):

  • Es ist gegrün­det auf einer gemein­sa­men Mensch­lich­keit
  • Es ist hoff­nungs­voll über das Poten­ti­al der Men­schen und rea­li­stisch über ihre Sünd­haf­tig­keit
  • Es ist respekt­voll gegen­über all­ge­mei­ner mensch­li­cher intel­lek­tu­el­ler Wahr­heits­su­che
  • Es ist ent­schlos­sen, den frei­en Wil­len der Men­schen zu respek­tie­ren (inkl. Gewis­sens­frei­heit)
  • Es hat das ganz­heit­li­che Heil aller Men­schen schon im irdi­schen Leben im Blick und nicht nur nach dem Tod (ich kann es mir nicht ver­knei­fen, hier ein zutiefst evan­ge­li­ka­les Anlie­gen zu sehen)
  • Es sucht gemein­sa­me erar­bei­te­te Frie­dens­mög­lich­kei­ten
  • Es ist ein Chri­sten­tum, das pri­mär für die Men­schen und die Schöp­fung kämpft anstatt für theo­lo­gi­sche Kor­rekt­heit und eige­ne Inter­es­sen. (sagt Gushee mit­ten in einem Buch, in dem er zutiefst theo­lo­gisch zu arbei­tet…)

Das klingt alles inter­es­sant und gut. Lei­der fehlt das Fleisch am Kno­chen und der Teu­fel steckt bekannt­lich im Detail. Gushee führt zu wenig aus, was die­ser «christ­li­che Huma­nis­mus» kon­kre­ter ist und wie die Ver­bin­dung zu Eras­mus aus­sieht. Eras­mus soll sich tat­säch­lich mehr für den Frie­den ein­ge­setzt haben als Luther. Mei­ne Fra­ge ist, ob die theo­lo­gi­schen Grund­la­gen von Eras­mus wirk­lich sei­ne Art von Frie­dens­be­mü­hun­gen tra­gen konn­ten. Ich sehe dies­be­züg­lich in der evan­ge­li­ka­len Theo­lo­gie wich­ti­ge Grund­la­gen für gewalt­lo­se Fein­des­lie­be.

Die Wahl von Eras­mus anstatt Luther passt zu Gushee’s Grund­pa­ra­me­ter, denn gemäss Gushee, setz­te Luther Reli­gi­on über den Men­schen, was zu Gewalt führ­te. Eras­mus soll hin­ge­gen den Mensch über die Reli­gi­on gesetzt haben, was zu Frie­den hät­te füh­ren kön­nen. Per­sön­lich möch­te ich eine drit­te Opti­on sehen, wel­che der Bibel einen prio­ri­tä­ren Rang gibt und wir DESHALB die Men­schen­freund­lich­keit Got­tes erle­ben.

«Wenn der Westen nur Eras­mus gefolgt wäre anstatt Luther!» – höre ich Gushee den­ken! Das ist tat­säch­lich ein inter­es­san­ter Gedan­ke. Was wäre pas­siert? Wäre auch die angeb­li­che theo­lo­gi­sche Irr­leh­re des «Evan­ge­li­ka­lis­mus», wel­che in Euro­pa sei­ne Wur­zeln hat und «die USA dem Ras­sis­mus ver­fal­len liess», nicht pas­siert?

Wenig­stens im Ansatz wäre die­ser «christ­li­che Huma­nis­mus» eine Alter­na­ti­ve zum «säku­la­ren Huma­nis­mus». Die im Buch auf­ge­führ­ten Aus­sa­gen geben (wie schon gesagt) lei­der wenig inhalt­li­che Sub­stanz. Eins scheint mir jedoch klar. Gushee löste sich 2017 öffent­lich vom «Evan­ge­li­ka­lis­mus». Er begrün­de­te sei­nen Schritt mit unüber­brück­ba­ren theo­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zen. Gemeint waren ins­be­son­de­re die Dif­fe­ren­zen in sexu­al­ethi­schen The­men. Es ist des­halb zu ver­mu­ten, dass Gushee’s Vari­an­te von «christ­li­chem Huma­nis­mus» immense und unüber­brück­ba­re Unter­schie­de haben wird zu allem, was Ähn­lich­keit hat mit sei­ner Sicht von «Evan­ge­li­ka­lis­mus». Aber auch ganz grund­sätz­li­che Unter­schie­de zum histo­ri­schen christ­li­chen Glau­ben, wie er von Chri­sten aller Genera­tio­nen gelebt wur­de — auch fern­ab der kir­chen­ge­schicht­lich noch jun­gen Bewe­gung des «Evan­ge­li­ka­lis­mus».

Fazit

Viel­leicht gelingt es Gushee irgend­wann, trotz sei­nem bio­gra­fi­schen Bruch, die vor­han­de­ne Brei­te inner­halb der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung zu erken­nen und in die­ser Hin­sicht zu einer dif­fe­ren­zier­te­ren Hal­tung zu fin­den. Das wür­de ich mir wün­schen! Denn er läuft mit sei­ner ein­sei­ti­gen Zeich­nung die Gefahr, sich genau des­sen schul­dig zu machen, was er eigent­lich aus­mer­zen möch­te: die unge­rech­te Aus­gren­zung und Stig­ma­ti­sie­rung von Men­schen. Zwi­schen­zeit­lich lässt er «uns Evan­ge­li­ka­le» mit der Fra­ge zurück, wie wir wei­ter mit dem Label «evan­ge­li­kal» umge­hen sol­len. Was Gushee nicht ver­hin­dern kann, ist, dass wir wei­ter uner­müd­lich und ger­ne für Got­tes umfas­sen­des, ganz­heit­li­ches Reich leben, wel­ches wir lie­ben und über des­sen Zunah­me in aller Welt Freund­lich­keit und Men­schen­lie­be beinhal­tet!

11 Comments
  1. Avatar
    Brink4u 4 Stunden ago
    Reply

    Evan­ge­li­ka­le

    Ja, die­se Leu­te bean­spru­chen ein Fun­da­ment zu haben
    Nein, die­se Leu­te sind kei­ne „Fun­da­men­ta­li­sten“ im land­läu­fi­gen Sinn und tra­gen auch kei­nen Spreng­stoff­gür­tel (weder im All­tag noch am Sonn­tag) …

    Son­dern die­se Leu­te sind, wenn auch theo­lo­gisch kon­ser­va­tiv, aus­ge­spro­che­ne Ver­tei­di­ger der demo­kra­tisch-frei­heit­li­chen Grund­ord­nung und der „alten Tole­ranz“, die dafür ein­tritt, dass jeder­mann das (aus ihrer Sicht) Fal­sche glau­ben darf …

    Bei man­chen Fra­gen fin­den sie sich auf der lin­ken, mal auf der ande­ren Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums wie­der … – und sogar dar­über sind sie sich nicht einig 😉

    Scha­lom
    Uwe

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 37 Minuten ago
      Reply

      Dan­ke Brink4U! Ich könn­te es in kei­ner Wei­se bes­ser for­mu­lie­ren!
      Unse­re Gesell­schaft braucht eine welt­an­schau­li­che Grund­wel­che, wel­che eben die Frei­hei­ten mög­lich macht, wel­che du nen­nest. Die fin­de ich Klas­se! Wer die­se Grund­la­ge desta­bi­li­siert oder unter­wan­dert. Dar­um aus mei­ner Sicht: die Pro­gres­si­ven sägen am eige­nen (welt­an­schau­li­chen) Ast.

  2. Peter Bruderer
    Peter Bruderer 5 Stunden ago
    Reply

    Dan­ke Paul für die­sen super Arti­kel. Die trau­ri­ge Todes­mel­dung eines mei­ner Face­book-Kon­tak­te (Jay Schwart­zen­dru­ber) in den USA gibt einen erhel­len­den Ein­blick in ein evan­ge­li­ka­les Ame­ri­ka fern­ab der aktu­el­len Schub­la­di­sie­run­gen:

    «In the ear­ly 2000s, con­cer­ned about the AIDS cri­sis, Swart­zen­dru­ber came to Pea­cock with an idea. Bono, the lead sin­ger of the famed rock band U2, was com­ing to the United Sta­tes to meet with evan­ge­li­cal lea­ders and Pre­si­dent Geor­ge W. Bush, to urge them to take action to fight AIDS. What if they invi­ted Bono to come to Nash­ville and meet with Chri­sti­an artists to get them invol­ved?»

    Ein inter­es­san­ter Ein­blick, wo auf Initia­ti­ve eines evan­ge­li­ka­len Mei­nungs­ma­chers in der christ­li­chen Musik­in­du­strie (CCM) ein ten­den­ti­ell libe­ra­ler Rock­star (Bono) mit einem repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten (Busch Jr.) zusam­men­gracht wur­de, um die US-Chri­sten­heit im welt­wei­ten Kampf gegen Aids zu mobi­li­sie­ren. Die dar­aus ent­stan­de­ne Akti­on wur­de fak­tisch geschlos­sen von den christ­li­chen Top­Künst­lern der dama­li­gen Zeit unter­stützt (DC-Talk, News­boys, Third Day etc). Jaja, die­se ‹bösen› Evan­ge­li­ka­len…

    https://​reli​gi​on​news​.com/​2​0​2​0​/​1​0​/​1​4​/​f​o​r​m​e​r​-​c​c​m​-​e​d​i​t​o​r​-​a​n​d​-​c​h​r​i​s​t​i​a​n​-​m​u​s​i​c​-​p​u​b​l​i​c​i​s​t​-​j​a​y​-​s​w​a​r​t​z​e​n​d​r​u​b​e​r​-​d​i​e​s​-​a​t​-​52/

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 5 Stunden ago
      Reply

      Dan­ke! ein schö­nes Bei­spiel! Gut gibt es sol­che Leu­te!!! Er ist früh gestor­ben…

  3. Avatar
    Remy Hangartner 23 Stunden ago
    Reply

    Dan­ke Paul! Sehr span­nen­der Bei­trag. Wer­de das Buch noch lesen trotz dei­nem sehr gelun­ge­nen Über­flug. Ich schät­ze dei­ne dif­fe­ren­zier­te, wür­di­gen­de Schreib­wei­se. Lg Remy

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 21 Stunden ago
      Reply

      Vie­len Dank!

  4. Avatar
    Joscheba 1 Tag ago
    Reply

    Hal­lo Paul, ich fin­de es gut, auch die evan­ge­li­ka­le Kir­che zu ver­tei­di­gen und auf gute Sei­ten hin­zu­wei­sen. Ich per­sön­lich habe die­ses Buch zwar nicht gele­sen, aber kann die Kri­tik ver­ste­hen! Ich schä­me mich auch des öfte­ren, evan­ge­li­kal zu sein. Ich war auch selbst bei den Jesus peop­le in chi­ca­go. Sie machen sicher vie­le gute Din­ge. Als ich über sexu­el­len Miss­brauch in Kom­men las, dach­te ich mir: bei den jesus peop­le wäre das auch leicht mög­lich. Ich goog­le­te und sie­he da:https://​www​.pathe​os​.com/​b​l​o​g​s​/​s​l​o​w​c​h​u​r​c​h​/​2​0​1​4​/​0​3​/​0​1​/​j​p​u​s​a​-​a​-​t​r​a​g​i​c​-​h​i​s​t​o​r​y​-​o​f​-​s​e​x​u​a​l​-​a​b​u​se/ und https://​www​.chri​stia​ni​ty​to​day​.com/​n​e​w​s​/​2​0​1​4​/​f​e​b​r​u​a​r​y​/​d​o​z​e​n​s​-​o​f​-​c​h​i​l​d​r​e​n​-​a​b​u​s​e​d​-​a​t​-​e​v​a​n​g​e​l​i​c​a​l​-​j​p​u​s​a​-​j​e​s​u​s​-​p​e​o​p​l​e​.​h​tml Es gibt eine Doku­men­ta­ti­on. Eini­ge, der dar­in vor­kom­men­den Leu­te habe ich bei Jpu­sa getrof­fen. Ich war schockiert, aber nicht ver­wun­dert! Gera­de sol­che Din­ge machen Nega­tiv­schlag­zei­len und malen das Bild (lei­der oft zu recht). Ja man soll­te nicht alles über einen Kamm sche­ren und auch die posti­ti­ven Sei­ten sehen. Aber Bus­se und Umkehr ist mei­ner Mei­nung nach in man­chen Berei­chen ange­sagt, anstatt zu sagen: aber so schlimm sind wir doch gar nicht! Zum Glück hän­ge ich nicht dem Evan­ge­li­ka­lis­mus son­dern der Per­son Jesus an!

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 21 Stunden ago
      Reply

      Dan­ke Josche­ba — ich hat­te auch davon gehört. Ich den­ke, dass sie auch vie­le Men­schen mit Her­aus­for­de­run­gen auf­ge­nom­men haben. Da macht man sich vul­nera­bel. Ich sage das nicht als Aus­re­de, son­dern als Fest­stel­lung. Ich gehe all­ge­mein davon aus, dass in allen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten (christ­li­che wie auch nicht-christ­li­che) sol­che Din­ge gesche­hen und auch in säku­la­ren Orga­ni­sa­tio­nen. Wie­der: nicht als Aus­re­de zu ver­ste­hen, denn sol­che Din­ge dür­fen ein­fach nicht pas­sie­ren. Ich bin sehr dank­bar, bis­her davon ver­schont gewe­sen zu sein.

  5. Dan­ke für die dif­fe­ren­zier­te und per­sön­li­che Rezen­si­on und Aus­ein­an­der­set­zung. Ich habe das Buch vor ein paar Wochen (quer)gelesen und kam zu ähn­li­chen Schlüs­sen wie du. Anlie­gen, Ana­ly­se & Kri­tik (teils) = posi­tiv. Lösung = man­gel­haft.
    Ich den­ke, dass er wirk­lich stark aus einer ame­ri­ka­nisch-evan­ge­li­ka­len Sicht schreibt. Auch wenn die ein­sei­tig ist (natio­nal & inter­na­tio­nal), scheint die Anfra­ge an die­ses Label aus der aktu­el­len Situa­ti­on je län­ger je mehr berech­tigt. Das Label hat ja, wie du selbst in dei­nem kur­zen Abriss schreibst, bereits x‑mal eine etwas ande­re Cou­leur bekom­men (auch schon vor 1950).
    Hilf­reich fand ich die Sicht zB von Mars­den (Kao­i­tel 1) in https://​www​.ama​zon​.de/​E​v​a​n​g​e​l​i​c​a​l​s​-​T​h​e​y​-​H​a​v​e​-​B​e​e​n​-​C​o​u​l​d​/​d​p​/​0​8​0​2​8​7​6​951 (inter­es­san­tes Buch!), indem er die theo­lo­gi­schen Säu­len „des“ Evan­ge­li­ka­lis­mus von den Gruppierungen/Organisationen etc unter­schei­det. Es hilft zu ver­ste­hen in wel­cher Wei­se jemand auf Evan­ge­li­ka­le Bezug nimmt — ohne die­se Unter­schei­dung gibt es oft Miss­ver­ständ­nis­se. Daher ver­ste­he ich dei­ne Kri­tik, aber es scheint mir, dass Gushee nicht pri­mär auf die­se „Säu­len“ (die noch sehr breit wären), son­dern auf die spe­zi­fi­schen (aktu­ell-ame­ri­ka­ni­schen) Aus­prä­gun­gen Bezug nimmt. Die­se Unter­schei­dung ist zwar hilf­reich, aber die Zeit wird wohl zei­gen, ob das Label „evan­ge­li­kal“ noch zu ret­ten sein wird…

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 1 Tag ago
      Reply

      Thx Michi. Wer­de Mars­den ger­ne lesen. Schön benutzt du den Begriff ‹Säu­len› 😉
      Ich bin froh, dass wir nicht ein ‹Label› ret­ten müs­sen. Aber Spra­che bleibt wich­tig und die Fra­ge ist, womit man das Label erset­zen wür­de. Vor­schlä­ge?

      • haha… Säu­len hab ich natür­lich nur wegen euch gebraucht ;). Damit mein­te ich den „Beb­bing­ton qua­dri­la­te­ral“.
        Nein, bei neu­en Labels bin ich noch nicht…
        (Hof­fe, dass da noch was zu ret­ten ist und posi­ti­ve Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen mög­lich sind — wie schon in der Ver­gan­gen­heit). Aber wäre natür­lich auch mal eine span­nen­de Dis­kus­si­on wel­che „Inter­pre­ta­ti­on“ oder Fül­lung von evan­ge­li­kal ihr auf Dani­el Opti­on haupt­säch­lich bedient 🙂. Aber das gern mal live, per zoom oder so.

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