DNA (3/10): Leidenschaftlich für den Schutz des Lebens

Josua Hunziker
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Zu allen Zei­ten waren unge­bo­re­ne Kin­der und Säug­lin­ge in Gefahr, als untrag­ba­re Bela­stung für Eltern und Gesell­schaft taxiert und dem Tode preis­ge­ge­ben zu wer­den. Wohl kei­ne Gesell­schaft vor uns ging dabei je so kon­se­quent vor wie die west­li­chen Natio­nen des 21. Jahr­hun­derts. Die­se Pra­xis steht in kras­sem Wider­spruch zum bibli­schen Men­schen­bild — ein «Ja zum Leben» ist hin­ge­gen kraft­vol­le Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums.

Gewaltsame Eskalation in Zürich

Zürich, 14. Sep­tem­ber 2019. Bereits zum sieb­ten Mal zieht der «Marsch fürs Läbe» durch die Innen­stadt — eine Demon­stra­ti­on für die Rech­te unge­bo­re­ner Kin­der und somit auch gegen Abtrei­bun­gen. Meh­re­re Hun­dert Per­so­nen sam­meln sich zur Gegen­de­mo, schon bald eska­liert die Situa­ti­on, die Poli­zei muss ein­schrei­ten. Flan­kiert wer­den die Vor­fäl­le von beacht­li­cher Reso­nanz in den Medi­en.  Die eska­lier­te Gegen­de­mo wird zwar nicht gera­de ver­tei­digt, doch die Kri­ti­ker der schwei­ze­ri­schen Abtrei­bungs­pra­xis wer­den gene­rell als ver­schwö­re­risch, erz­kon­ser­va­tiv, unli­be­ral und unwis­sen­schaft­lich beschrie­ben.

Was ist denn die «Pro­vo­ka­ti­on son­der­glei­chen», wel­che sich die­se «erz­kon­ser­va­ti­ven» Demon­stran­ten im auf­ge­klär­ten 21. Jahr­hun­dert erlau­ben? Was sind die skan­da­lö­sen Wer­te, die sie ver­tre­ten? Nun, sie set­zen sich ein für die schwäch­sten, wehr­lo­se­sten Glie­der unse­rer Gesell­schaft, für den Schutz des unge­bo­re­nen Lebens — genau­so, wie es Chri­sten zu allen Zei­ten bereits vor ihnen getan haben. Schon immer haben Chri­sten damit die unein­ge­schränk­te Wert­schät­zung jedes mensch­li­chen Lebens, die Güte Got­tes in allen Wen­dun­gen des Lebens und die Schön­heit von Sex, Ehe und Eltern­schaft ver­kün­det — kraft­vol­le Bot­schaf­ten des Evan­ge­li­ums.

Pro­vo­ka­tiv? Viel­leicht. Anstös­sig? Durch­aus. Unbe­quem? Unbe­dingt. Auch das ist kei­nes­falls neu …


Die aus­ge­setz­ten Romo­lus und Remus, der Sage nach Grün­der von Rom, Bild: iStock

Eine revolutionäre Haltung

Römi­sches Reich, 1. Jh. vor Chri­stus. Der seit kur­zem in Alex­an­dria sta­tio­nier­te römi­sche Legio­när Hil­ari­on schreibt sei­ner Frau Alis einen kur­zen Brief, um ihr Mut zuzu­spre­chen. Er sorgt sich um sei­nen klei­nen Sohn und bit­tet sie inn­brün­stig, sich gut um ihn zu küm­mern. Und schreibt dann wei­ter:

Falls du wie­der schwan­ger sein soll­test: Falls es ein Jun­ge ist, lass ihn leben, doch falls es ein Mäd­chen ist, set­ze es aus.

Die­ser Satz, schein­bar belang­los zwi­schen für­sorg­li­chen Beteue­run­gen ein­ge­scho­ben, zeigt die Nor­ma­li­tät, mit wel­cher im römi­schen und grie­chi­schen Kon­text der frü­hen Kir­che Klein­kin­der «ent­sorgt» wur­den. Nicht nur wur­den Abtrei­bun­gen, son­dern auch die Tötung und das Aus­set­zen von Klein­kin­dern bis 374 n. Chr. völ­lig legal voll­zo­gen. Die allei­ni­ge Ent­schei­dungs­au­to­ri­tät für die­se ver­schie­de­nen For­men der «Gebur­ten­kon­trol­le» lag allein beim männ­li­chen Fami­li­en­ober­haupt und wur­de von füh­ren­den römi­schen und grie­chi­schen Den­kern wie Pla­ton und Ari­sto­te­les aus­drück­lich emp­foh­len.

Ari­sto­te­les schreibt über uner­wünsch­te Kin­der, sie sei­en «so zu behan­deln, als ob für ein sol­ches Kind kei­ne Pfle­ge vor­han­den wäre», was fak­tisch in vie­len Fäl­len den Tod der Kin­der bedeu­te­te. In man­chen Fäl­len wur­den die Kin­der gar bewusst nackt aus­ge­setzt, um die Über­le­bens­chan­cen zu ver­min­dern. Da eine Abtrei­bung für die Mut­ter oft mit hohen Risi­ken ver­bun­den war, wur­de die direk­te Tötung nach der Geburt oder die Aus­set­zung des Säug­lings oft vor­ge­zo­gen — für die betrof­fe­nen Kin­der war das Resul­tat im Grun­de das Glei­che. Wir lesen auch in der Bibel von sol­chen Vor­ge­hens­wei­sen, z.B. in der Rede des Ste­pha­nus. Der Pha­rao «liess die neu­ge­bo­re­nen Kin­der aus­set­zen, damit sie nicht am Leben blie­ben» (Apg 7:19). Aus­ge­setz­te Kin­der, wel­che trotz­dem von jeman­dem auf­ge­nom­men wur­den, wur­den im Nor­mal­fall zu Skla­ven — ein wei­te­rer Grund, war­um die Legi­ti­mie­rung von Aus­set­zun­gen im römi­schen Reich durch­aus auch nütz­lich war, sorg­te sie doch für «gra­tis Arbeits­kräf­te».

Die frü­hen Chri­sten stell­ten sich die­ser Pra­xis der Römer und Grie­chen von Beginn an ent­schie­den ent­ge­gen. Bereits die Dida­che, die älte­ste uns bekann­te Kir­chen­ord­nung, wel­che u. a. zur Unter­wei­sung der Tauf­kan­di­da­ten ver­wen­det wur­de, ver­ur­teilt Abtrei­bung, Infan­ti­zid und damit auch die Aus­set­zung ganz expli­zit:

Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehe­bre­chen, du sollst nicht Kna­ben schän­den, du sollst nicht huren, du sollst nicht steh­len, du sollst nicht Zau­be­rei trei­ben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht ein Kind durch Abtrei­bung mor­den, und du sollst das Neu­ge­bo­re­ne nicht töten. (Dida­che, Abschnitt 2.1)

Etwas aus­führ­li­cher beschreibt Ter­tul­li­an in sei­nem apo­lo­ge­ti­schen Werk «Apo­lo­ge­ti­cum» die Hal­tung der Kir­che im 2. Jh. nach Chri­stus:

Wir hin­ge­gen dür­fen, nach­dem uns ein für alle­mal das Töten eines Men­schen ver­bo­ten ist, selbst den Embryo im Mut­ter­leib […] nicht zer­stö­ren. Ein vor­weg­ge­nom­me­ner Mord ist es, wenn man eine Geburt ver­hin­dert; es fällt nicht ins Gewicht, ob man einem Men­schen nach der Geburt das Leben raubt oder es bereits im wer­den­den Zustand ver­nich­tet. Ein Mensch ist auch schon, was erst ein Mensch wer­den soll — auch jede Frucht ist schon in ihrem Samen ent­hal­ten. (Apo­lo­ge­ti­cum, Kapi­tel 9)

Die­se hohe Wert­schät­zung des unge­bo­re­nen Lebens war für die Chri­sten ein inte­gra­ler Bestand­teil der Ehre und Anbe­tung Got­tes, des Ursprungs allen Lebens. Dies äus­ser­te sich aber kei­nes­falls nur pas­siv in der Ver­ur­tei­lung der kul­tu­rel­len Prak­ti­ken — viel­mehr setz­ten sie sich aktiv und unter gros­sen Opfern für die Armen und Aus­ge­stos­se­nen ein. So wur­den Kin­der, wel­che von ihrer Fami­lie ver­stos­sen wur­den, bewusst auf­ge­nom­men und ver­sorgt. Die­se auf­op­fern­de Hal­tung wur­de von den Römern nicht nur posi­tiv betrach­tet, son­dern auch belä­chelt oder sogar als bedroh­lich wahr­ge­nom­men. So beschwer­te sich z.B. der vom Chri­sten­tum dekon­ver­tier­te Kai­ser Juli­an:

Wäh­rend die heid­ni­schen Prie­ster die Armen ver­nach­läs­si­gen, wid­men sich die ver­hass­ten Gali­lä­er [= Chri­sten] Wer­ken der Näch­sten­lie­be und haben durch die Zur­schau­stel­lung fal­schen Mit­leids ihre ver­derb­li­chen Irr­tü­mer in die Tat umge­setzt. Die­se Pra­xis ist unter ihnen üblich und ver­ur­sacht Ver­ach­tung für unse­re Göt­ter.

Die­ser selbst­lo­se Ein­satz war in den ersten Jahr­hun­der­ten nach Chri­stus pri­mär das Werk von Ein­zel­per­so­nen und losen Orga­ni­sa­tio­nen. Spä­ter wur­de der Schutz von Kin­dern unter dem christ­li­chen Ein­fluss nach und nach durch Kir­che und Staat insti­tu­tio­na­li­siert. So ord­ne­te das Kon­zil von Nicaea 325 n. Chr. expli­zit die Ein­rich­tung von Armen­spi­tä­lern in den christ­li­chen Gemein­den an, wel­che sich teil­wei­se zu Kin­der­asy­len wei­ter­ent­wickel­ten. Etwa gleich­zei­tig liess Kai­ser Kon­stan­tin, der erste christ­li­che Kai­ser, die Abtrei­bung unter Todes­stra­fe stel­len — eine gros­se Ände­rung im römi­schen Recht, wel­ches zuvor kei­ner­lei Stra­fe dafür vor­sah.

Die frü­he Kir­che war also in ihrer Hal­tung zum Schutz des Lebens äus­serst klar. Doch wor­auf basier­te denn die­se Hal­tung? Fin­det sich doch in der Bibel kei­ne ein­zi­ge expli­zi­te Stel­le zum Umgang mit Abtrei­bung. Kann der bedin­gungs­lo­se Schutz des Lebens über­haupt biblisch begrün­det wer­den oder war die Hal­tung der frü­hen Kir­che nichts wei­ter als eine vor­über­ge­hen­de mora­li­sche Strö­mung?


Maria und Eli­sa­beth, Timi­os Stav­ros Kir­che in Zypern, ca. 14. Jh.

Schweigt die Bibel zur Abtreibung?

Es ist wahr, dass wir in der Bibel kei­ne Stel­len fin­den, wel­che aus­drück­lich über Abtrei­bung reden und sie ver­bie­tet oder ver­ur­teilt. Wäh­rend die Kinds­tö­tung durch das 4. Gebot «Du sollst nicht töten» klar ver­ur­teilt wird, scheint es auf den ersten Blick unklar, ob die­ses Tötungs­ver­bot denn auch für unge­bo­re­ne Kin­der gel­ten sol­le.

Ein genaue­rer Blick zeigt aber schnell, dass in der bibli­schen und jüdi­schen Tra­di­ti­on ein Kind im Mut­ter­leib sehr wohl als ein von Gott per­sön­lich geform­ter Mensch mit gött­li­cher Wür­de und Bestim­mung betrach­tet wur­de. Eini­ge Bei­spie­le dazu:

  • Sim­son wur­de vom Engel Got­tes als «Geweih­ter Got­tes vom Mut­ter­leib an» bezeich­net (Ri 13:7). Ein Embryo kann also schon als unge­bo­re­nes Wesen von Gott beru­fen sein und wird damit von ihm als voll­wer­ti­ger Mensch gese­hen und behan­delt.
  • Ähn­li­ches sehen wir beim Pro­phe­ten Jesa­ja. Er bezeugt, dass der Herr ihn «vom Mut­ter­leib an zu sei­nem Knecht berei­tet hat» (Jes 49:5)
  • Der Engel des Herrn pro­phe­zeit Zacha­ri­as, Johan­nes der Täu­fer wür­de «schon vom Mut­ter­leib an erfüllt wer­den mit dem Hei­li­gen Geist» (Lk 1:15). Die­ser Geist ist auch ganz offen­sicht­lich bereits im unge­bo­re­nen Johan­nes wirk­sam, «hüpf­te das Kind» doch bereits in Eli­sa­beths Leib beim Gruss der Maria (Lk 1:41) . Ein unge­bo­re­nes Kind, wel­ches auf die Wir­kung des Hei­li­gen Gei­stes reagiert!

In der jüdi­schen Tra­di­ti­on ist der Schutz des unge­bo­re­nen Kin­des im Mut­ter­leib fest ver­an­kert, wie es Arthur Hertz­berg in sei­nem Stan­dard­werk zum Juden­tum beschreibt:

Schon im Tal­mud wird die Fra­ge dis­ku­tiert, aus wel­chen Grün­den der Abort eines Fetus in Fra­ge kommt. Grund­sätz­lich heisst es im Tal­mud, ein Fetus, der das Leben der Mut­ter gefähr­det, müs­se zer­stört wer­den; sonst sei es ver­bo­ten, den Fetus mut­wil­lig zu töten, selbst wenn er noch nicht als Mensch gel­te.

Nun gibt es durch­aus auch im Juden­tum pro­gres­si­ve Strö­mun­gen, wel­che z. B. argu­men­tie­ren, dass ein unge­woll­tes Kind der Mut­ter Not berei­te und dar­um auch abge­trie­ben wer­den dür­fe. Auch in christ­li­chen Krei­sen wer­den ähn­li­che Argu­men­te vor­ge­bracht, um «Abtrei­bung aus Barm­her­zig­keit» zu legi­ti­mie­ren, ja, sogar als hei­li­ges Werk zu sti­li­sie­ren. Die­se Argu­men­ta­tio­nen haben jedoch mei­nes Erach­tens vor allem mit einem aus­ge­spro­chen post­mo­der­nen Ver­ständ­nis von «Lebens­be­dro­hung» — näm­lich der Ver­ei­te­lung des geplan­ten Lebens­ent­wurfs — zu tun. Ich wer­de spä­ter in die­sem Arti­kel noch ver­tieft dar­auf ein­ge­hen. Die jüdisch-christ­li­che Tra­di­ti­on wird druch Albert Moh­ler jedoch glän­zend zusam­men­ge­fasst wenn er schreibt:

Die ein­zi­ge kon­si­sten­te bibli­sche Logik ist es, die Hei­lig­keit und Wür­de jedes mensch­li­chen Lebens vom Moment der Befruch­tung an zu respek­tie­ren. (Eige­ne Über­set­zung)

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es abso­lut unver­ständ­lich, dass bei­spiels­wei­se Nadia Bolz-Weber in Bezug auf ihre eige­ne Abtrei­bung mit einer «judeo-christ­li­chen Tra­di­ti­on» argu­men­tiert. Sie argu­men­tiert, dass die «judeo-christ­li­che Tra­di­ti­on» den Beginn des Lebens nicht bei der Zeu­gung ansetzt, son­dern erst beim gebo­re­nen und atmen­den Kind:

Fakt ist, vie­le von uns haben eine Sicht, die Chri­sten und Juden für eine sehr sehr lan­ge Zeit inne­hat­ten – dass, basie­rend auf der Schöp­fungs­ge­schich­te in Gene­sis, das Leben mit dem Atem beginnt.

Natür­lich ist die Bibel kein natur­wis­sen­schaft­li­ches Lehr­buch über den Beginn des Lebens. In bibli­schen Zei­ten gab es kei­ne prä­na­ta­le Dia­gno­stik. Erst wenn die ersten spür­ba­ren Bewe­gun­gen des Kin­des vor­han­den waren, konn­te man zwei­fels­frei die Exi­stenz eines unge­bo­re­nen Kin­des dekla­rie­ren. Da stellt sich schon die Fra­ge: Sind wir heu­te eigent­lich wis­sen­schaft­lich nicht wei­ter als damals? Viel­leicht kön­nen wir mitt­ler­wei­le genau­er sagen, in wel­chem Sta­di­um ein Embryo noch nicht als mensch­li­ches Wesen gel­ten kann?


Mensch­li­ches Embryo, Bild: iStock

Ist das schon ein Mensch?

Die Grund­ar­gu­men­ta­ti­on jeg­li­cher Abtrei­bungs­be­für­wor­ter lau­tet etwa so: «Da der Embryo noch kein voll­wer­ti­ges mensch­li­ches Leben dar­stellt, ist er als Teil des Kör­pers der Frau zu betrach­ten. Es gehört somit zum Recht der Frau auf kör­per­li­che Inte­gri­tät und Selbst­be­stim­mung, die­sen allen­falls uner­wünsch­ten Fremd­kör­per wie­der zu ent­fer­nen. Es ist daher ein Akt der Selbst­er­mäch­ti­gung und Befrei­ung, Frau­en die Abtrei­bung zu ermög­li­chen.» Eini­ge Chri­sten wür­den hier viel­leicht noch «der Barm­her­zig­keit» oder «der Lie­be» hin­zu­fü­gen.

Lan­ge wur­de mit dem Begriff vom «Zell­hau­fen» argu­men­tiert, wel­cher ein Embryo im Früh­sta­di­um noch dar­stel­le. Man behaup­tet, dass sich erst spä­ter ein mensch­li­ches Wesen dar­aus ent­wickelt. Den Begriff «Zell­hau­fen» nimmt zwar heu­te nie­mand mehr ernst­haft in den Mund, doch das Grund­ar­gu­ment wird ger­ne wie­der­holt, wie fol­gen­des Zitat einer Kader­ärz­tin des Zür­cher Uni­spi­tals zeigt:

Die Hal­tung der Abtrei­bungs­geg­ner basiert auf der Vor­stel­lung, dass das Leben mit der Ver­schmel­zung der Ei- und Samen­zel­le beginnt. Das ist eine Glau­bens­vor­stel­lung: Eine sol­che bio­lo­gi­sche Zäsur gibt es nicht. In den mei­sten juri­sti­schen Syste­men mar­kiert die Geburt den ent­schei­den­den Moment. Der Schutz­an­spruch nimmt aber natür­lich gra­du­ell zu, je wei­ter die Schwan­ger­schaft fort­schrei­tet. (NZZ, 14.09.2019)

Doch die­se Aus­sa­ge ist als sol­che kei­ne wis­sen­schaft­li­che, son­dern ein ideo­lo­gi­sches Argu­ment. Auch die Ärz­tin bringt eine Glau­bens­vor­stel­lung zum Aus­druck, näm­lich dass ein Embryo im Mut­ter­leib gra­du­ell vom «Nicht-Men­schen» zum Men­schen wach­se. Doch iro­ni­scher­wei­se zeigt gera­de die­se Aus­sa­ge, dass jeder fest­ge­leg­te Zeit­punkt, bis zu wel­cher ein Embryo kein mensch­li­ches Leben dar­stel­len soll, will­kür­lich bestimmt und dar­um wis­sen­schaft­lich nicht begründ­bar ist. Das oben zitier­te Argu­ment schlägt sich also selbst.

Ein Kind in der ersten Schwan­ger­schafts­wo­che unter­schei­det sich nicht prin­zi­pi­ell von einem in der zwölf­ten Woche, kurz nach der Geburt oder einem sechs Mona­te alten Baby. Gera­de weil die Ent­wick­lung gra­du­ell ver­läuft, ist das Leben vom ersten Moment an zu schüt­zen.

Wenn wir irgend­wo eine Gren­ze set­zen wür­den — wo wäre sie denn zu set­zen? Pro­gres­si­ve Bio­ethi­ker for­dern mitt­ler­wei­le bereits die Lega­li­sie­rung der «After-Birth Abor­ti­on» — also der Kinds­tö­tung. So soll z. B. im Fal­le von nach­ge­burt­lich fest­ge­stell­ten phy­sio­lo­gi­schen oder psy­cho­lo­gi­schen Ein­schrän­kun­gen des Kin­des die Tötung des bereits gebo­re­nen Kin­des voll­zo­gen wer­den kön­nen! So ver­stö­rend die­ser Gedan­ke auf den ersten Blick ist, so kon­se­quent scheint er mir die Argu­men­ta­ti­on der Abtrei­bungs­be­für­wor­ter zu Ende zu den­ken.

Es ist natur­wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar, einem Embryo selbst im frü­hen Sta­tus sei­ne Mensch­lich­keit abzu­spre­chen. Um zu defi­nie­ren, bis zu wel­chem Zeit­punkt eine Abtrei­bung zuläs­sig ist, muss man vor­her ent­schie­den haben, was eigent­lich eine «Per­son» ist. Man muss sich fest­le­gen, was die Eigen­schaf­ten sind, wel­che eine Ansamm­lung mensch­li­cher Zel­len von einer mensch­li­chen Per­son unter­schei­den.

Nan­cy Pear­cey, eine ame­ri­ka­ni­sche Publi­zi­stin und Dozen­tin für «World­view Stu­dies», zählt in ihrem Buch «Love thy Body» (deut­scher Titel: «Lie­be dei­nen Kör­per») ver­schie­de­ne von Bio­ethi­kern vor­ge­schla­ge­ne Ansät­ze auf, wel­che die­se Unter­schei­dung angeb­lich mög­lich machen sol­len: Schmerz­emp­fin­den, Hirn­ak­ti­vi­tät, Intel­li­genz oder Selbst­be­wusst­sein. Alle die­se Defi­ni­tio­nen einer «Per­son» wei­sen ihr gemäss eine Viel­zahl von Pro­ble­men auf. Da ist z. B. das Pro­blem der Mes­s­un­si­cher­heit: Selbst schein­bar ein­deu­ti­ge Eigen­schaf­ten wie die Hirn­ak­ti­vi­tät sind in ihrer Bestim­mung abhän­gig von der Mess­me­tho­de. Damit wäre der Zeit­punkt, ab wann ein Embryo als Per­son gel­ten darf, stark abhän­gig von der Genau­ig­keit des mes­sen­den EEGs (je genau­er mein EEG, desto frü­her wer­de ich Hirn­ak­ti­vi­tät fest­stel­len kön­nen).

Es ist eine Tat­sa­che, dass sich Bio­ethi­ker auch nach jahr­zehn­te­lan­gen Debat­ten nicht im ent­fern­te­sten auf eine auch nur annä­hernd kon­si­sten­te Defi­ni­ti­on einer «Per­son» haben eini­gen kön­nen. Dies zeigt, wie sehr die­se Defi­ni­tio­nen von sub­jek­ti­ven Wert­hal­tun­gen abhän­gen. Die­se Sub­jek­ti­vi­tät darf nicht die Basis für ethi­sche Ent­schei­dun­gen sein, wel­che enor­me Trag­wei­te haben. Es sind Ent­schei­dun­gen über Leben und Tod eines Men­schen! Und die­sel­ben Über­le­gun­gen wer­den nicht nur auf Abtrei­bun­gen ange­wen­det, son­dern auch auf den Umgang mit behin­der­ten, alten oder schwer kran­ken Men­schen.


Bild: Wiki

Und was ist mit den Frauenrechten?

Die Dis­kus­si­on um das «Recht auf Abtrei­bung» wird heu­te meist als Dis­kus­si­on über die Rech­te der Frau defi­niert. Dabei wird impli­zit vor­aus­ge­setzt, dass der Embryo im Bauch der Mut­ter noch kei­ne Per­son mit Men­schen­wür­de sei. Sobald klar ist, dass die­ser Grund­satz in Fra­ge steht, mutet die Dis­kus­si­on um die Rech­te der Mut­ter in den mei­sten Fäl­len doch sehr zynisch an.

Mitt­ler­wei­le haben auch vehe­men­te Abtrei­bungs­be­für­wor­ter erkannt, dass die bio­lo­gi­sche «Das ist ja noch gar kein Mensch»-Argumentation nicht schlüs­sig ist. Dafür tritt die ideo­lo­gi­sche Fär­bung des «Pro-Choice»-Lagers wie­der deut­li­cher in den Vor­der­grund. So endet z. B. die Autorin Mary Eliza­beth Wil­liams auf dem Online Maga­zin «salon​.com» ihren Arti­kel «So what if abor­ti­on ends life?» mit den Wor­ten:

Ein Fötus ist in der Tat ein Leben — ein Leben, wel­ches wert ist, geop­fert zu wer­den. (Eige­ne Über­set­zung)

Men­schen­op­fer? Im Ernst jetzt? Was um alles in der Welt kann allen Ern­stes ein Men­schen­op­fer recht­fer­ti­gen? Mei­ner Ansicht nach liegt der Grund in fol­gen­dem, von mir frei for­mu­lier­ten «Glau­bens­be­kennt­nis» unse­rer west­li­chen Gesell­schaft:

Ein gutes Leben lebe ich dann, wenn ich mei­ne selbst gesteck­ten Zie­le errei­che, mei­ne Träu­me ver­wirk­li­che und mein Leben selbst in die Hand neh­me. Nie­mand kann mir dabei sagen was rich­tig oder falsch wäre, denn der Kom­pass zu mei­nem Glück liegt allei­ne in mei­nem Her­zen und ist damit nur mir selbst zugäng­lich.

Wenn die­se Kon­zep­ti­on des Lebens unse­ren mora­li­schen Kom­pass bestimmt, so ist alles, was sich der Ver­wirk­li­chung unse­rer Plä­ne und Träu­me in den Weg stellt, eine Gefahr — selbst wenn es ein unge­bo­re­nes Kind ist.

Es ist inter­es­sant zu beob­ach­ten, wie in unse­rer post­mo­der­nen, sub­jek­ti­ven Defi­ni­ti­on von Tat­sa­chen schnell ein­mal mit ver­schie­de­nen Spies­sen gemes­sen wird. Ein Embryo der eng­li­schen Königs­fa­mi­lie wird schon in den aller­er­sten Schwan­ger­schafts­wo­chen von den Medi­en als «a fourth roy­al» bezeich­net und somit mit könig­li­cher Wür­de aus­ge­stat­tet. Ein ande­rer Embryo in dem­sel­ben Sta­di­um gilt als rechts­lo­ser Fremd­kör­per im Kör­per einer selbst­be­stimm­ten Frau. Wohl kaum jemand äus­sert jedoch die­se sub­jek­ti­ve, will­kür­li­che Beur­tei­lung so expli­zit wie die bekann­te ame­ri­ka­ni­sche TV Mode­ra­to­rin Melis­sa Har­ris-Per­ry:

Wann beginnt das Leben? Ich den­ke, die Ant­wort hängt sehr stark von den Gefüh­len der Eltern ab. Ein mäch­ti­ges Gefühl, aber kei­ne Wis­sen­schaft. (Eige­ne Über­set­zung)

Ange­nom­men, uns wird ver­si­chert, dass der Embryo kei­ne Men­schen­wür­de habe, wenn wir das so sehen möch­ten. Neh­men wir wei­ter an, dass die Schwan­ger­schaft unge­wollt ist. Dann ist der Gang zur Abtrei­bungs­kli­nik der schein­bar beste Weg, uns von einem ein­fa­chen Feh­ler nicht das Lebens­kon­zept durch­ein­an­der­brin­gen zu las­sen. Der uner­wünsch­te Embryo wird dann — wie oben ange­tönt — zu «Recht» als eine «ernst­haf­te Bedro­hung für das Leben der Mut­ter» bzw. der Eltern klas­si­fi­ziert und damit ist die mora­li­sche Ver­tret­bar­keit der Abtrei­bung gege­ben.

Die­se Argu­men­ta­ti­on ist nicht ein­fach nur pole­misch, son­dern stützt sich auf die offi­zi­el­le Schwei­zer Sta­ti­stik des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs 2014:

Bei einem Drit­tel der Inter­ven­tio­nen ist das Motiv für die Inter­ven­ti­on bekannt. 93% der Inter­ven­tio­nen erfol­gen wegen psy­cho­so­zia­len Grün­den. Dabei geben die Frau­en in den mei­sten Fäl­len an, die finan­zi­el­le Situa­ti­on ermög­li­che es ihnen nicht, das Kind zu behal­ten, bereits genug Kin­der zu haben, sich nicht imstan­de zu füh­len, ein Kind auf­zu­zie­hen, ein Kind zu haben sei mit der Erwerbs­tä­tig­keit oder der Aus­bil­dung nicht ver­ein­bar oder die Fami­li­en­pla­nung sei für den Part­ner kein oder noch kein The­ma.

Im Klar­text: «Ein Kind kann ich mir nicht lei­sten», «Fami­li­en­pla­nung ist kein The­ma», «Ich bin noch in der Aus­bil­dung», «Wir haben bereits genü­gend Kin­der». Kurz und gut: «Das Kind in mei­nem Bauch passt nicht in mei­nen Lebens­ent­wurf» oder «Ich füh­le mich mit einem Kind über­for­dert».

In jedem ande­ren Fall, wo dies als Begrün­dung für die Been­di­gung eines mensch­li­chen Lebens vor­ge­bracht wür­de, gin­ge ein Auf­schrei durch unse­re Rei­hen und wir empör­ten uns ob sol­cher Skru­pel­lo­sig­keit. Zumal eine Abtrei­bung nicht ein­fach eine «schnel­le Lösung» des «Pro­blems» dar­stellt. Die Idee, dass danach alle wie­der zum alten Leben zurück­keh­ren kön­nen, stimmt so nicht. Wie ver­schie­de­ne Pro-Life-Orga­ni­sa­tio­nen berich­ten, sind sowohl Frau­en als auch Män­ner nach einer Abtrei­bung häu­fig von post­trau­ma­ti­schen Bela­stungs­stö­run­gen betrof­fen.

Es tobt nach wie vor ein heis­ser — mei­nes Erach­tens stark ideo­lo­gisch auf­ge­la­de­ner — Kampf um die Deu­tungs­ho­heit über die psy­chi­schen Risi­ken und Fol­gen einer Abtrei­bung. Die Fach­welt ist sich unei­nig, ob ein Post-Abor­ti­on-Syn­drom (PAS) als sol­ches über­haupt exi­stiert. Inter­es­san­ter­wei­se beschrän­ken sich aber alle Argu­men­te gegen die Exi­stenz eines PAS dar­auf, dass eine Abtrei­bung sta­ti­stisch betrach­tet kei­ne nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die psy­chi­sche Gesund­heit der Frau­en habe. Wo blei­ben eigent­lich die Bele­ge dafür, dass eine Abtrei­bung zu einem bes­se­ren, erfüll­te­ren Leben führt? Müss­te nicht ein posi­ti­ver Effekt auf die Psy­che fest­ge­stellt wer­den, wenn oben for­mu­lier­tes Glau­bens­be­kennt­nis wahr wäre?

Es stimmt: Die Grün­de, wel­che zu einem Abtrei­bungs­ent­scheid füh­ren, sind viel­fäl­tig und kön­nen durch­aus auch trif­tig sein. Doch kei­ne Begrün­dung recht­fer­tigt die Tötung mensch­li­chen Lebens — vom ethi­schen Dilem­ma «Ent­we­der stirbt die Mut­ter oder das Kind» ein­mal abge­se­hen. Und es erscheint mir mehr als nur plau­si­bel, dass eine sol­che Tötung auch tie­fe Spu­ren in den See­len der Eltern hin­ter­lässt. Das bedeu­tet aber auch: In allen Lebens­la­gen, und ins­be­son­de­re in tra­gi­schen Umstän­den oder gros­ser Not, dür­fen die Betrof­fe­nen nicht allei­ne gelas­sen wer­den.

Wenn exi­sten­zi­el­le Angst und per­sön­li­che Not vor­han­den ist, ist meist nicht der Zeit­punkt, mit ratio­na­len Argu­men­ten zu kom­men. Es ist der Zeit­punkt für tat­kräf­ti­ge Hil­fe. Es ist unse­re Ver­ant­wor­tung als gan­ze Gesell­schaft und ins­be­son­de­re als Kir­chen, sowohl die ganz­heit­li­che Gesund­heit und das Wohl­erge­hen der Frau als auch die Inte­gri­tät des unge­bo­re­nen Kin­des zu schüt­zen. Dies ist zum Bei­spiel mit bera­ten­der Unter­stüt­zung oder mit medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung mög­lich. Wenn die finan­zi­el­le Lage schwie­rig ist, soll­ten wir durch­aus mit finan­zi­el­ler Hil­fe unter­stüt­zen. Es kann nicht sein, dass wir uns die­ser Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen, nur weil es tech­ni­sche Mit­tel gibt, um «das Pro­blem aus der Welt zu schaf­fen».

Ja, ich bin sogar über­zeugt, dass eine kla­re Hal­tung der Chri­sten und der Kir­che zu einem «Ja zum Leben» gleich­zei­tig eine kraft­vol­le Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums in unse­rer Zeit ist — eine Ver­kün­di­gung, wel­che Men­schen nicht nur irri­tie­ren, son­dern auch unwei­ger­lich anzie­hen wird.


Bild: uns­plash

Das Evangelium des «Ja zum Leben»

Wie im Leit­ar­ti­kel zu die­ser Serie bereits dar­ge­legt, ist ein «Ja zum Leben» eine wesent­li­che, nicht weg­zu­den­ken­de Eigen­schaft der DNA der Kir­che. Denn dar­in demon­strie­ren wir unse­rem Umfeld die Gute Nach­richt von Jesus Chri­stus in ganz wesent­li­chen Aspek­ten:

1. Du bist in jeder Lebenslage uneingeschränkt wertvoll und würdig

Da ist jemand, der dich vom ersten bis zum letz­ten Augen­blick als wert­voll erach­tet, unge­ach­tet dei­ner Kapa­zi­tät, dei­ner Lei­stung, dei­nes Zustan­des, dei­ner Feh­ler oder Erfol­ge. Dein Wert ist dir zuge­spro­chen, ein­fach weil du Mensch bist, der im Eben­bild des Schöp­fers geschaf­fen ist.

Was ist der Mensch, dass du sei­ner gedenkst, und des Men­schen Kind, dass du dich sei­ner annimmst? Du hast ihn wenig nied­ri­ger gemacht als Gott, mit Ehre und Herr­lich­keit hast du ihn gekrönt. (Ps 8:5 – 6)

Gott hat den Men­schen zu sei­ner Freu­de erschaf­fen, nicht zu sei­nem Nut­zen. Was für eine gute, lebens­spen­den­de Per­spek­ti­ve für alle unter uns, die sich vom Effi­zi­enz- und Pro­duk­ti­vi­täts­wahn unse­rer Gesell­schaft aus­ge­laugt, an die Wand gedrückt oder gar ver­ra­ten füh­len.

2. Du kannst und musst nicht deines Glückes eigener Schmied sein

Dein erfüll­tes Leben hängt nicht davon ab, dass du dei­nen Lebens­ent­wurf schnur­ge­ra­de leben kannst. Ja, sogar unge­plan­te, ein­schnei­den­de und schmerz­haf­te Wen­dun­gen kön­nen dich in eine tie­fe­re Fül­le des Lebens füh­ren. Tim Kel­ler schreibt in sei­nem Buch «Gott im Leid begeg­nen»:

In sei­nem Buch Far from the Tree unter­sucht Andrew Solo­mon den Schock und die Reak­ti­on von Eltern, die ent­decken, dass das Kind, das sie bekom­men haben, nicht so ist wie sie, son­dern statt­des­sen gehör­los, klein­wüch­sig, mit Down­syn­drom, auti­stisch oder sonst auf irgend­ei­ne Wei­se chro­nisch krank oder behin­dert. […] Sol­che Kin­der stür­zen die Fami­lie, in die sie hin­ein­kom­men, immer in eine Kri­se, aber unter dem Strich kommt Solo­mon zu fol­gen­dem Ergeb­nis: «Das Fas­zi­nie­ren­de in die­sem Buch ist, dass die mei­sten in ihm beschrie­be­nen Fami­li­en dahin kamen, dass sie dank­bar waren für die Erfah­run­gen, die sie im Leben nicht frei­wil­lig gemacht hät­ten.»

Und etwas spä­ter:

«Glück­lich sind, die nach Gerech­tig­keit hun­gern und dür­sten, denn sie sol­len satt wer­den. (Mat­thä­us 5,6)» In die­sem Aus­spruch sagt Jesus: «Glück­lich ist der, der nicht das Glück sucht, son­dern die Gerech­tig­keit.» Ech­tes Glück ist ein Neben­pro­dukt der Suche nach etwas, das mehr ist als Glück­lich­sein — näm­lich nach der rich­ti­gen Bezie­hung zu Gott und mei­nem Mit­men­schen. Wenn ich Gott als das höch­ste Gut mei­nes Lebens suche, bekom­me ich das Glück gleich­sam als Zuga­be. Ver­su­che ich dage­gen krampf­haft, «glück­lich zu wer­den», bekom­me ich keins von bei­dem.

Was für ein Kon­trast ist das zum säku­la­ren Glau­bens­be­kennt­nis «Ich wer­de glück­lich durch die Ver­wirk­li­chung mei­ner Träu­me».  Was für eine hoff­nungs­vol­le Per­spek­ti­ve ist es, dass wir das wahr­haf­tig­ste und tief­ste Glück fin­den kön­nen im sprich­wört­li­chen fin­ster­sten Tal!

3. Sex, Ehe und Elternschaft haben eine tiefe Bedeutung und Schönheit

Die­se Bedeu­tung und Schön­heit von Sex, Ehe und Eltern­schaft ist viel tie­fer als die Befrie­di­gung dei­ner Bedürf­nis­se oder die Ver­wirk­li­chung dei­ner Lebens­träu­me. Viel­mehr zeich­net die Bibel ein ver­heis­sungs­vol­les, hei­li­ges Bild der mensch­li­chen Sexua­li­tät:

Das bibli­sche Bild der ehe­li­chen sexu­el­len Ein­heit ist nichts weni­ger als eine Vor­ah­nung einer noch tie­fe­ren Ein­heit mit dem Gött­li­chen. Und egal, ob wir in die­sem Leben ver­hei­ra­tet oder sin­gle sind, ist sexu­el­les Ver­lan­gen unser ein­ge­bau­ter Kom­pass für das Gött­li­che, eine Art Navi­ga­ti­ons­hil­fe, wel­che uns den Weg nach Hau­se zeigt. (Glynn Har­ri­son: «A Bet­ter Sto­ry: God, Sex and Human Flou­ris­hing», eige­ne Über­set­zung

Paul Bru­de­rer wird die­sen und wei­te­re Aspek­te im kom­men­den Arti­kel zur christ­li­chen Sexu­al­ethik noch ein­ge­hen­der beleuch­ten.

Ein Aufruf an die Kirche des 21. Jahrhunderts

Um das Evan­ge­li­um in die­ser Form zu ver­kün­den, genügt es nicht, Peti­tio­nen zu unter­schrei­ben und in der Kir­che ab und zu gegen die Abtrei­bung zu wet­tern. Im Gegen­teil: Mit die­ser — lei­der zu lan­ge ver­folg­ten — Tak­tik ver­stär­ken wir die Stig­ma­ti­sie­rung der Betrof­fe­nen und «trei­ben» sie den Abtrei­bungs­kli­ni­ken gera­de­zu in die Arme. So wie die erste Kir­che durch ihren selbst­lo­sen Ein­satz zu Gun­sten der Schwäch­sten bekannt und gleich­zei­tig anstös­sig war, müs­sen wir auch heu­te zu die­ser lebens­spen­den­den, wenn auch unbe­que­men Posi­ti­on zurück­fin­den.

Was muss gesche­hen? Ich möch­te zum Schluss fol­gen­de Anre­gun­gen for­mu­lie­ren:

  • Zual­ler­erst müs­sen unse­re Kir­chen ‹Räu­me der Gna­de› sein. Kir­chen sind Orte, die Men­schen ver­trau­ens­voll auf­su­chen kön­nen in Zei­ten höch­ster per­sön­li­cher Not. Kir­chen sind Orte, wo nicht die Ana­ly­se und Ver­ur­tei­lung von Feh­lern im Vor­der­grund ste­hen, son­dern zual­ler­erst tat­kräf­ti­ge Hil­fe und die Ver­mitt­lung von ech­ter Lebens­per­spek­ti­ve. Dies erfor­dert Ver­trau­en in Chri­sten und Kir­che — ein Ver­trau­en, wel­ches vie­len unse­rer Mit­men­schen ver­lo­ren gegan­gen ist. Die­ses Ver­trau­en zurück­zu­ge­win­nen erach­te ich als eine der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen der heu­ti­gen Kir­che.
  • Basie­rend auf die­sem zurück­ge­won­nen Ver­trau­en kön­nen Hilfs­an­ge­bo­te geschaf­fen und bestehen­de Ange­bo­te geför­dert wer­den. Ich bin dank­bar für die bereits bestehen­den Orga­ni­sa­tio­nen, wel­che geziel­te Hil­fe für unge­wollt schwan­ge­re Frau­en und Paa­re anbie­ten. Doch ich den­ke, dass das Netz an Anlauf­stel­len brei­ter und eng­ma­schi­ger wer­den muss. Frau­en und Paa­re müs­sen ermu­tigt und unter­stützt wer­den, das neue Leben anzu­neh­men und ihren eige­nen Lebens­ent­wurf der neu­en Rea­li­tät anzu­pas­sen. Hier kann eine per­sön­li­che Bezie­hung mit Jesus Chri­stus einen enor­men Unter­schied machen! Jesus Chri­stus hat einen Plan für unse­re Leben! Was bis­her als «Plan B» emp­fun­den wur­de, ent­puppt sich durch die Bezie­hung mit Jesus als ein wun­der­ba­rer Weg in ein sinn­erfüll­tes Leben! Es muss an Anse­hen und «Cool­ness» gewin­nen, sich in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on für das Leben und damit even­tu­ell gegen den bis­her zurecht­ge­leg­ten Lebens­ent­wurf zu ent­schei­den. Auch Alter­na­ti­ven wie z. B. die Adop­ti­on von unge­woll­ten Kin­dern sind zu för­dern, auch wenn dies mei­nes Erach­tens nur in der Min­der­heit der Fäl­le die lang­fri­stig beste Lösung dar­stellt. Doch kann eine Adop­ti­on sowohl für kin­der­lo­se Paa­re als auch für Kin­der, wel­che sonst kei­ne Chan­ce krie­gen, eine ech­te, lebens­wer­te Per­spek­ti­ve bie­ten!
  • Wir müs­sen Hil­fe bie­ten, um bereits gesche­he­ne Abtrei­bun­gen seel­sor­ger­lich auf­zu­ar­bei­ten. Frau­en und Män­ner, wel­che sich durch das Erleb­nis einer Abtrei­bung bela­stet sehen, Hil­fe, Annah­me und Wie­der­her­stel­lung. Auch hier kön­nen Kir­chen ‹Räu­me der Gna­de› und des Lebens sein.
  • Der Schutz des Lebens muss in unse­ren Kir­chen ein The­ma sein und blei­ben. Nur weil die Rechts­la­ge «gege­ben» und die Schlacht somit «ver­lo­ren» scheint, ist das The­ma nicht abge­schlos­sen. Ganz im Gegen­teil: Das «Ja zum Leben» ist ein Bestand­teil unse­rer DNA und jeder Christ darf zu einem ganz per­sön­li­chen und star­ken «Ja zum Leben» fin­den.
6 Comments
  1. Avatar
    Sonja Dengler 6 Monaten ago
    Reply

    auch ich bin seit mehr als 45 Jah­ren tun D im Lebens­schutz tätig (s.website).
    In D gilt im Erbrecht: das Unge­bo­re­ne ist erb­be­rech­tigt. Das bedeu­tet einer­seits, dass der Schwan­ge­ren ein Vor­mund gestellt wer­den kann, damit sie dem Kind nicht scha­det und das Kind so sein Erbe antre­ten kann. Oder, wie vor kur­zem durch die Pres­se ging, ein Unge­bo­re­nes Kind erbt Schul­den — und dann rei­ben sich die Eltern die Augen.…
    Es ist also in den Geset­zen eine Wider­sprüch­lich­keit gege­ben, die schon etwas dar­über aus­sagt, dass hier nicht alles mit rech­ten Din­gen zugeht.
    Dan­ke für den fun­dier­ten Arti­kel, den ich in mei­nen Vor­trä­gen ger­ne zitie­re (natür­lich mit Quel­len-Nen­nung).
    Ich habe über die Vor­gän­ge in D‑Beratungssituation einen Roman geschrie­ben, der im Herbst 2019 her­aus­kam: Alles wird gut
    Fon­tis Ver­lag (CH).
    Darf ich es Ihnen zuschicken?

  2. Avatar
    Katharina Steiner 6 Monaten ago
    Reply

    Lie­ber Joshua
    Ich bin sehr dank­bar für die­se sorg­fäl­ti­ge Arbeit zum The­ma «Abtrei­bung». Seit Jahr­zehn­ten stau­ne ich über unse­re mensch­li­chen Täu­schungs­ma­nö­ver, wenn wir zu defi­nie­ren ver­su­chen, WANN eigent­lich Leben beginnt! Denn gera­de WEIL ein brand­neu­es Leben JUST NACH der Zeu­gung beginnt — kom­men ja so vie­le Men­schen in einen Stress, sobald sie es rea­li­sie­ren. Gera­de WEIL es LEBEN ist — nicht weil es ein­mal Leben wird — wol­len vie­le, denen es aus irgend­ei­nem Grund unge­le­gen kommt, so bald wie mög­lich wie­der weg­ha­ben. Ich habe Ver­ständ­nis für vie­le sol­cher Stress-Situa­tio­nen. Aber Abtrei­bung ist kei­ne Stress-Lösung, viel­mehr eine Art Kurz­schluss­hand­lung. Das tut mir weh für Mut­ter und Kind.

    Nun mal ganz sorg­fäl­tig: WORIN besteht ganz ehr­lich betrach­tet der Unter­schied zwi­schen mir zum Zeit­punkt des Kin­der­gar­ten­al­ters und mei­nem 62. Geburts­tag? Ich war damals nicht weni­ger ICH als ich es heu­te bin. Stand ein­fach in einer ande­ren LEBENSPHASE mei­ner gesam­ten Lebens­rei­se. WORIN besteht nun ganz ehr­lich der Unter­schied zwi­schen dem Zeit­punkt mei­ner Zeu­gung und mir im Kin­der­gar­ten­al­ter? Es konn­te beim besten Wil­len kein ande­res Kind zum Kin­der­gar­ten gehen als ICH, die bereits nach der Zeu­gung ohne jeden Zwei­fel die­ses eine ICH war! Zwi­schen Zeu­gung und Kin­der­gar­ten­kind und der 62-jäh­ri­gen Katha­ri­na besteht ein eng­ster Zusam­men­hang, den nie­mand leug­nen kann. Ich war nach mei­ner Zeu­gung nicht ein­fach ein Zell­klum­pen. Men­schen­au­gen sehen wahr­lich längt nicht alles! Die Zeu­gung war die erste Sta­ti­on mei­nes Per­son-seins. Ja, ich stand dort ganz zuvor­derst auf mei­ner span­nen­den LEBENS­rei­se! Heu­te ste­he ich rund 63 Jah­re (inklu­si­ve Schwan­ger­schaft) spä­ter dar­in. Es war immer, immer ICH, und es wird bis zu mei­nem let­zen Atem­zug auf Erden — ja sogar in Ewig­keit ICH, die­ses ein­ma­li­ge ICH sein, wel­ches just nach der Zeu­gung auf die­se Rei­se ging …
    Was für eine Hohl­heit zu sagen, Leben wür­de erst nach der Geburt begin­nen, weil es im Mut­ter­leib noch kei­ne fer­ti­gen Men­schen gibt. Erstens bin ich noch immer am Wer­den (ja, TATSÄCHLICH: mit bald 63 noch unfer­tig😉)! Zwei­tens: was für ein Schlag ins Gesicht all jener Müt­ter, die ihre Kin­der im 6. oder 7. Schwan­ger­schafts­mo­nat zur Welt brach­ten … Sol­len das alles kei­ne rechts­gül­ti­gen KINDER, son­dern noch immer gros­se Zell­klum­pen sein? Oder dre­hen wir es gar so rum: Mut­ter A mit einem Früh­chen hat halt nach 7 Schwan­ger­schafts­mo­na­ten bereits ein voll­gü­ti­ges Kind anver­traut bekom­men, wäh­rend das Kind von Mut­ter B intrau­te­rin auch im 8. Schwan­ger­schafts­mo­nat noch kein wirk­li­ches Kind ist, da es sich an den übli­chen Geburts­ter­min hält! Cra­zy, nicht wahr? Ich mei­ne, alle unse­re mensch­li­chen Ver­su­che, zu defi­nie­ren wann LEBEN beginnt, füh­ren uns samt und son­ders aufs Glatt­eis. Nichts, kei­ne Argu­men­ta­ti­on geht wirk­lich auf — aus­ser, wir demü­ti­gen uns unter die Tat­sa­che, dass nach der Zeu­gung ein neu­es, unver­wech­sel­ba­res Leben in EXISTENZ geru­fen wur­de — von aller­höch­ster War­te aus! Und die­ser Schöp­fer wird auch gang­ba­re Wege für Sei­ne jüng­ste und neue Krea­ti­on vor­be­rei­tet haben, die in Bezie­hung zu Ihm zu fin­den sein wird! Auf DIESE SPUR müss­ten Betrof­fe­ne, die durch die Ankün­di­gung des neu­en Lebens in gros­sen Stress gera­ten, ganz neu fin­den. Damit wäre allen gehol­fen, das glau­be ich. Heisst nicht, dass es easy Wege sind — aber weit bes­se­re, als jede Abtrei­bung es sein kann.
    Der­zeit bin ich dabei, ein Buch für ange­hen­de und jun­ge Eltern zu schrei­ben, das den Titel trägt «BeHERZt Fun­da­men­te legen». Dem gros­sen Bogen nach geht es dar­um: Wie kön­nen unse­re Jüng­sten ab Zeu­gung, nicht erst ab Geburt (!) bis zur Drei­jäh­rig­keit zu leben­di­gem, fro­hem Leben erweckt wer­den, damit sie eines Tages als mün­di­ge, dem Leben zuge­wand­te Per­sön­lich­kei­ten ihren Platz auf die­ser Welt ent­decken und ein­neh­men kön­nen! Wovon brau­chen unse­re Jüng­sten viel, wovon sehr wenig.

    • Josua Hunziker
      Josua Hunziker 6 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke Katha­ri­na. Genau — Mensch bleibt Mensch. Die­se Erkennt­nis ist nicht nur für die Abtrei­bungs­fra­ge essen­zi­ell, son­dern auch z.B. für unse­ren Umgang mit alten oder behin­der­ten Men­schen. Viel Erfolg mit dei­nem Buch­pro­jekt!

  3. Regula Lehmann
    Regula Lehmann 6 Monaten ago
    Reply

    Lie­ber Joshua,
    dan­ke für die­ses fun­dier­te Plä­doy­er für den Lebens­schutz! Welch genia­le Bot­schaft in einer Zeit, die Lei­stung, Schön­heit und die Zustim­mung der Ande­ren so hoch gewich­tet! Wir sind bedin­gungs­los geliebt, noch bevor jemand weiss, dass wir exi­stie­ren :):):) Das gibt Boden unter die Füs­se und muss unbe­dingt unter die Leu­te…!

    • Josua Hunziker
      Josua Hunziker 6 Monaten ago
      Reply

      Vie­len Dank, Regu­la! Ich hof­fe, dass der Arti­kel uns allen hilft, nicht nur zu kri­ti­sie­ren, son­dern mit posi­ti­vem Fokus für das Wun­der des Lebens in sei­ner gan­zen gött­li­chen Schön­heit ein­zu­ste­hen.

      • Regula Lehmann
        Regula Lehmann 6 Monaten ago
        Reply

        Yes! Vie­le Orgai­sa­to­ren und Ein­zel­per­so­nen, die bei­spiels­wei­se beim Marsch fürs Läbe enga­giert sind, inve­stie­ren ja auch Viel an Geld und Zeit, um Frau­en und Fami­li­en- weit über die Geburt hin­aus — zu unter­stüt­zen. Das wird aus mei­ner Sicht auch medi­al häu­fig eher unter­schla­gen. Eines der kon­kre­ten von Lebens­schüt­zern ini­zi­ier­ten Pro­jek­te sind die Baby­klap­pen, die es bei eini­gen Schwei­zer Spi­tä­lern gibt.
        Yes, für das Leben zu ste­hen bedeu­tet erhöh­ten Auf­wand. Wenn ich sage. «Die­ser klei­ne Mensch und sei­ne Mama sind geliebt», stellt sich mir auch die Fra­ge: «Was kann ich tun, was ist mein Bei­trag?» Orga­ni­sa­tio­nen unter­stüt­zen, Gebet, anbie­ten, Patin oder Pate zu wer­den, Kin­der­hü­te zu über­neh­men, ein Win­del­abo zu bezahlen…Ein befreun­de­tes Ehe­paar hat schon zwei Mamis samt Kind «adop­tiert» und ver­tritt nun sozu­sa­gen die Gross­el­tern­stel­le. «Für das Leben» zu sein geht im wahr­sten Sinn des Wor­tes ans Leben­di­ge — macht uns aber gleich­zei­tig eben auch «leben­dig» und glaub­haft. Und es erin­nert uns dar­an, dass wir geliebt sind. Bedin­gungs­los!

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